Über die Selbstliebe in einer menschenverachtenden Gesellschaftsform

Vor dem Spiegel stehen und zugeben, sich selbst zu mögen, ohne den ironischen Seufzer und ohne ein entlastendes Kichern. Einfach nur, weil es ehrliche und wahre Worte sind und mensch sich bei Gelegenheit darüber bewusst werden möchte, es sich zugesteht.

Wenn ich mich über meine Arbeit definiere, dann hängt alles an meinem Erfolg. Versage ich, werde arbeitslos oder habe von vorne herein eine der vielen schlecht bezahlten Stellen, fühle ich mich wertlos, nutzlos, überflüssig. Doch was bin ich, wenn nicht das, was ich tue? Und in der Summe bin ich überwiegend ein Schläfer und ein Fresser, nichts worauf ich stolz sein dürfte. Schlaf hat keinen Nutzen für die Gesellschaft, ich verbrauche nur beheizten Platz und sauerstoffreiche Luft, bin ihr sozusagen ein Klotz am Bein. Was als „sinnvolle“ Aktivität übrig bleibt, ist die Arbeit. Ganz gleich, ob sie wirklich gebraucht wird oder nur zum Selbstzweck existiert. Hauptsache ich mache etwas, wofür ich entlohnt werde, denn erst die Entlohnung beweist, dass es „sinnvoll“ war. Wer würde schließlich Geld für etwas Unsinniges bezahlen?! Andererseits gibt es hier kaum etwas, das Menschen machen, das immer noch als respektabel angesehen wird, wenn es nicht bezahlt wird. Meine Eltern hoffen immer noch, dass mir irgendwann etwas die Flausen austreibt. Ehrenamt und anderen Leuten mit ihren Problem helfen zahlt mir später nicht den Zahnersatz, habe ich gehört.

Also fühlen wir uns gut, wenn wir etwas tun mit dem wir Geld verdienen, denn wenn uns jemand fragt, dann können wir stolz sagen „Ich bin Fachberatungsassistentin der Aufsichtsbehörde des großen Chemiekonzerns der früher immer diese Kassetten hergestellt hat, erinnert ihr euch? Und das mache ich auch sehr ordentlich. Ich bin beliebt bei meinen Kollegen, denn ich bin pünktlich und verlässlich und ich kenne mich gut aus. Ich arbeite jeden Tag 9 Stunden, außer freitags, da kann ich dann früher Schluss machen, aber ich bleibe oft doch länger, um über die Woche Liegengebliebenes zu sortieren.“

Wer jetzt aus einem kapitalismuskritischen Umfeld kommt bemerkt sicher schnell die Absurdität solcher Aussagen. Geschätzt wird mensch von anderen nicht, wegen seiner Hingabe dem jeweiligen Menschen gegenüber sondern wegen der Hingabe zu einer abstrakten Tätigkeit, die meist nur aus dem Grund so hingebungsvoll ausgeführt wird, weil mensch sonst nichts mehr hat. „Es ist das Letzte was ich noch tun kann, weil es mein Leben frisst und dann will ich es wenigstens gut machen, weil ich nicht auch noch DAS verlieren kann. Ich bleibe länger dort, weil es zu Hause nichts gibt, womit ich mich definieren kann: Meine Wohnung hat keinen Garten, ich mache kein Yoga und esse aus der Mikrowelle.“

Schön und gut hat dieses System der Selbstachtung durch freiwillige Hinrichtung für die Arbeit über lange Jahre hinreichend funktioniert. Doch mit wachsender Automatisierung und Entfremdung wächst auch der Druck auf die Arbeitenden, denn niemand kann es sich leisten seinen Job zu verlieren. Nicht der Tellerputzer und nicht der Manager, von der monetären Situation ungleich, doch von der Identifikation her ähnlich, sind beide gezwungen bis zum Ende die Maske der Arbeit zu tragen, um vor dem Spiegel nicht in ihre Augen sehen zu müssen.

Die permanente Konkurrenz macht mich kalt. Sie stumpft mich ab, treibt mich in den Wahnsinn und macht, dass ich mich nicht mehr sehen will. All die Dinge, die ich anderen Menschen schon angetan habe, verstecke ich unter einer um mich konstruierten schützenden Identität.
Ich kann mich nicht mögen, nur dieser Person die ich bin, der kann ich auf die Schulter klopfen. „Gut gemacht, wieder 2 Kilo abgenommen.“, sage ich dann. Oder: „Wieder ein Lob vom Chef, jetzt weiß ich, dass ich gut bin“. Im besten Fall noch etwas wie: „Du hast ein sehr schönes Bild gemalt, darauf kannst du stolz sein!“
Aber all das, es berührt den Kern nicht.

„Ich mag mich, weil ich ein schönes Leben bin, weil ich von Innen leuchte und egal, ob ich etwas schaffe oder nicht, ob ich gut bin oder nicht, ich bin ein wertvolles und wunderbares Wesen und verdiene alle Liebe, die die Welt mir geben kann.“ Ach was, kitischiger Scheiß: „Wir sind alles besondere Schneeflocken blah blah blah.“ Kenn ich doch schon, was soll das denn.

Menschen sind Arschlöcher und ich auch.

by pentagonal blue

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Bewertungsanlage

by pentagonal blue

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Der Jammer mit der Zinskritik

Warum taucht sie immer wieder auf, die Kritik am Zins, welcher so gerne als Ursache der Ungerechtigkeit beim Wirtschaften identifiziert wird. Schon Silvio Gesell1, einer der renommiertesten Zinskritiker_innen2, propagierte durch seine „natürliche Wirtschaftsordnung“ eine Gesellschaft, in der es zwar alle Zwänge (z.B. Arbeit, Konkurrenz, (Selbst-)Optimierung) immer noch geben sollte, aus der aber trotzdem – oder gerade deswegen – eine „freiere“ Gesellschaft erwachsen würde. Denn die universelle Konkurrenz wurde, wie etwa auch bei Pierre-Joseph Proudhon3, als Ausdruck universaler und individueller Freiheit angesehen.

Mit der Erklärung des Zinsproblems als Erscheinung einer Geldwirtschaft stellte sich Silvio Gesell konträr zu Karl Marx, der den Zins aus den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen erklärt. Es entging Gesell jedoch, dass auch Darlehenszins ein produktionsbedingter Zinsanteil ist, ein Mehrwert des produktiven Kapitals. Er glaubte, der Darlehenszins könne völlig zum Verschwinden gebracht werden, weil schließlich das Angebot von Krediten die Nachfrage danach übersteigen und dadurch der Darlehenszins zu null werden würde. Er verkannte, dass stets neuartige Investitionsbedürfnisse auftreten, die zu neuer Kreditnachfrage führen.4

Zins stellt nichts anderes als eine Profit-Kategorie im Kapitalismus dar, die genauso kritikwürdig ist wie jede andere Form von Kapital. Es macht keinen Sinn, genau diese abschaffen zu wollen und dadurch die analysierte Zirkulation des Wirtschaftskreislaufs zu negieren (von der Anschlussfähigkeit für antisemitische Argumentationen ganz zu schweigen5), sondern notwendigerweise muss die Gesamtheit des Kapitalverhältnisses kritisiert werden. Will man diese nicht fortan immer wieder in gesellschaftliche Prozesse einschreiben, muss sich überlegt werden, wie eine andere Gesellschaft verwirklicht werden kann, ohne bei Ideen von „individueller Freiheit“ und „Werte-Gleichheit“ stehen zu bleiben.6

by Silvie


Der Anlass für diesen Artikel: Zinskritik auf einem Gehweg in Rostostock

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Silvio_Gesell
2 jüngst beim Konkret-Verlag erschienenes Buch: „Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn – Kapitalismuskritik von Rechts“ von Peter Bierl
3
https://de.wikipedia.org/wiki/Proudhon
4
Frei Zitiert aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Silvio_Gesell Abschnitt Urzins
5
z.B. laut http://www.nachdenkseiten.de „ist es kein großes Geheimnis, dass antisemitische Machwerke wie Gottfried Feders ‚Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft‘ sich auch heute noch in vielen Foren großer Beliebtheit erfreuen.“
6
Text basiert teilweise auf „Die Kritik am Zins – eine Sackgasse der Kapitalismuskritik“ von Nadja Rakowitz. Zu finden hier: http://theoriepraxislokal.org/kdpoe/krit.zins.php

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Aufgrund von Bedenken einer Seite zu einer Textstelle in einem kürzlich hier veröffentlichten Beitrag, haben wir diesen vorerst entfernt.

Publiziert am von Keep Dancing | 2 Kommentare

Letzte Chance

Etwa zwei Wochen hat es gedauert, dann waren (trotz erschwerten Bedingungen) bereits alle Ausgaben der neuen Keep Dancing #2.72 vergriffen. Auch gingen wieder einige Exemplare in andere Städte, diesmal sogar manche über die Grenzen MVs hinaus.
Nachfragen gab es jedoch auch nach Erschöpfen unseres Kontingents noch reichlich, so dass wir uns dazu entschieden haben eine zweite Auflage zu drucken. Zwar ist uns dabei ein kleiner Fehler unterlaufen, der sollte allerdings nur denjenigen auffallen, die eine Ausgabe der ersten Auflage zum direkten Vergleich haben. Wer den Fehler findet darf diesen nicht nur behalten, sondern kann sich bei uns melden und wird dann mit einer Erwähnung im Vorwort der nächsten Ausgabe von „Keep Dancing“ geehrt werden. Also rein ins Detektiv-Outfit und aufgeschlagen das Heft!
Wer jedoch noch keine Ausgabe besitzt, kann jetzt nochmal seine letzte Chance nutzen, um noch eine zu ergattern – die große Nachfrage spricht dafür, dass es sich lohnen könnte.

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Erschwerte Bedingungen. Zur Politik des Infoladens Rostock

Wir wollen euch auf diesem Weg mitteilen, dass wir unsere neuste Zine-Ausgabe auf unbestimmte Zeit nicht mehr im Infoladen Rostock auslegen oder über diesen verteilen dürfen. Als Grund wurde der Artikel „Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung“ genannt. Dieser stellt einen Gastbeitrag der Gruppe „Kritische Provinz“ dar, die diesen mittlerweile auch auf ihren Blog gesetzt haben.

Da das Zine damit nicht mehr an einem festen Ort zu festen Zeiten beziehbar ist, sind wir bereits dabei uns eine Alternative zu überlegen, so dass auch weiterhin Ausgaben ganz formell erlangt werden können. Auch werden wir, wie die letzten Tage ohnehin geschehen, versuchen vermehrt Ausgaben persönlich zu verteilen – bei der Mundpropaganda sollte der Infoladen seinen Teil dazu beigetragen haben. Solltet ihr trotz allem nicht zu einem ersehnten eigenen Exemplar gelangt sein, könnt ihr uns gerne schreiben.

Abgesehen davon, dass ein solcher Eingriff von Seiten der Infoladenbetreiber_innen einfach nervig und ärgerlich ist, hat das ganze natürlich auch eine hochgradig politische Dimension. Kritische Provinz hat darauf als Reaktion just einen lesenswerten Text verfasst, den wir an dieser stelle ausdrücklich zur Lektüre empfehlen wollen: Flüstern und Schreien – und Maul halten.

Lasst euch vom Tanzen nicht abhalten!
Die Re(d)aktion

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Heft #2.72 erschienen

In den letzten Monaten haben wir wieder viel reflektiert, geschrieben, gezeichnet, gestaltet, gelayoutet und designed. So sind aus den drei angepeilten Monaten fünf geworden und Ihr musstet länger warten als versprochen. Nun ist es jedoch so weit: das Heft #2.72 ist bereits gedruckt und wartet nur noch darauf in den nächsten Tagen von vielen flinken Fingerchen gefaltet zu werden. In Laufe der nächsten Woche wird es dann an den bekannten Orten (u.a. hier) in Rostock zu lesen bzw. zum Mitnehmen zu bekommen sein.

Drum tanzt, wenn Ihr wollt. Tanzt!

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Ein Paar Überlegungen zu Stadt-Piraterie

Theorien und Techniken zur alternativen Nutzung von Muell, Sperrmuell, containertem Essen, ect. – das sind Beispiele für Handlungen, die für manche notwendig, fuer andere beliebt sind. Diese Taetigkeiten sind aber nicht fuer alle vom Kapitalismus dauerhaft negativ beeinflussten Menschen praktikabel und, Utopisch gesehen, nicht möglich: wenn alle jeden „Muell“ wieder/weiter benutzen, gaebe es bald keinen mehr bzw. es waere nicht genug für alle da, was wiederum zur marktfoermigen Weiterverteilung fuehren koennte.1 Knappheit und hohe Nachfrage, damit waeren 2 Faktoren für wirtschaftlich-interessiertes Agieren geschaffen.

Dennoch ist es für radikale Aktivist*innen sehr interessant Stadt-Piraterie zu organisieren, propagieren und weiter zu entwickeln. Das Sparen eigener Ressourcen (was vor allem mit Geld zusammenhaengt) und wiederum das Weiterleiten an andere Leute, die es genauso benoetigen, kann Moeglichkeiten schaffen politische tätig zu sein oder zu bleiben – sogar neuen Raum fuer manche oeffnen.

Die nur auf die eigene Nutzung der containerten, geklauten oder sonst wie besorgten Waren kann natuerlich der jeweiligen Person oder den jeweiligen Personen selbst nuetzen, aber die komplette Entfaltung der politischen Dimension ergibt sich wohl erst durch das angesprochene Umverteilen. Ansonsten bleibt es nur ein konsumieren auf anderen Grundlagen.2

Dennoch sollte dabei die Nutzungsabwaegung auch eine Rolle spielen, klar kann ich mit Freunden staendig Naechte damit verbringen containern zu gehen und sicherlich kann ich mich der Gefahr des Erwischt-werdens beim Klauen aussetzen, aber koennte ich die Zeit und den Aufwand dafür, nicht auch besser nutzen, um an umstürzlerischen Absichten zu feilen … ?

1 siehe dazu Pfand-System in den USA http://jungle-world.com/artikel/2012/08/44933.html
2 z.B. Containern von „verbrauchten“ Konsumgueter

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Verbissene Gefühle

by pentagonal blue

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As time goes by

Mitlerweile sind nun fast alle Ausgaben der #0.1 verteilt (an der Stelle schonmal ein Dankeschön an alle Leute, die uns mit kleinen Spenden unterstützt haben). So haben wir u.a. noch welche auf den Gender Bender Action Days in Greifswald an den_Mann_die_Frau gebracht und es dürften davon, falls noch übrig, auch noch welche irgendwo im IKuWo rumfliegen.

Nun werden sich auch schon wieder die ersten Gedanken um die Ausgabe #0.2 gemacht. Wann diese erscheinen wird steht zwar noch in den Sternen, aber vier mal im Jahr war ja das Vorhaben, weshalb der Termindruck bei uns noch nicht all zu groß ist – die Euphorie und die Bastellust dafür allerdings um so größer. Ihr dürft also weiterhin gespannt sein und auch das Angebot mit der Partizipation steht natürlich noch. Wer also etwas spannendes oder total langweiliges, etwas mit künstlerischem Gehalt, den niemand außer euch selbst erkennt, einen Leserinnenbrief oder ein Kommentar zu einem Artikel der ersten Ausgabe hat: gib uns!

Und noch etwas, was so offensichtlich ist, dass es gar nicht erwähnenswert ist: wir haben angefangen auf diesem Blog hier die angekündigte Online-Ausgabe zu verwirklichen. Hier werden allerdings immer nur ein paar Artikel der aktuellen Ausgabe nach und nach online gestellt. Für diejenigen, die keinen Wert auf Vollständigkeit legen, kein Print-Zine mehr ergattern konnten oder denen Design und Layout vollkommen schnuppe sind, lohnt es sich also immer mal wieder vorbei zu gucken: keepingthedance.blogsport.eu

Die Re(d)aktion

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