Bioshock – Teil 1

While Ryan believed in the genius of the individual, Lamb believes in collective effort and the power of the community, as well as a philosophy surrounding butterfly imagery, indicating rebirth. She considers Rapture’s failure to be undeniable proof that the „self“ is the root of all evil and suffering.“1

Rapture, eine Unterwasserstadt, weit entfernt von den Zwängen der Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Eine Utopie-Stadt in der nur die großen Geister, der kreative Wille und die freien Individuen eine neue Gesellschaft formen.
Ein sehr ungewöhnliches Szenario für ein Computer-Spiel eines Genres, in dem sich immer wieder un
d wieder altbekannte und stereotype Charaktere und Settings zeigen. Schließlich ist Bioshock ein Action-Shooter mit dummen Gegnern, die nur Futter für das virtuelle Abknallen darstellen. Dennoch verbirgt sich in dem Spiel – bzw. schreit es einen geradezu nach den ersten Minuten an –, dass sich dabei mehr gedacht wurde. Es ist vor allem Andrew Ryan2, der Erfinder und Gründer der Stadt im Spiel, dessen politische und ideologische Ideen, Forderungen und Konsequenzen einem überall begegnen.

Rise, Rapture Rise!
Die Geschichte Raptures wird so erzählt, dass diese Ideale in der Umsetzung einige Zeit gut gingen und zu einem unglaublichen technologischen Fortschritt führten (frei von allen ökonomischen und ethischen Beschränkungen). Das führte dazu, dass sich einige Geschäftsmodelle mit völliger Verachtung von menschlichem Leben entwickelten. Der große Gegenspieler von Ryan, ein Mann namens Frank Fontaine, der aufsteigt wie Gangster in den 1920’ern in den USA, wird selbst immer mächtiger und nimmt auf Politik und Gesellschaft Einfluss.
Ryan gibt mit der Zeit seine Ideale im Kampf gegen Fontaine um die Herrschaft über Bioshock auf. „something must be done about Fontaine … the great chain is pulling away from me. Perhaps it’s time to give it at a tug …“. Ryan baut alsdann eine ‚Security Force‘ (eine Mischung aus Polizei und Militär), um Fontaine Einhalt zu gebieten. Es kommt dazu das Ryan ‚Fontaine Futuristics‘ „verstaatlicht“ (womit er seiner Ideologie widerspricht, Rapture zuliebe). ‚Fontaine Futuristics‘ hat ein Monopol auf die Gewinnung von ADAM3
.
Ryan wird, was er vorgibt am meisten zu hassen: ein Tyrann, der über Rapture herrscht. Die „great Chain“ verliert ihre Bedeutung. Er diktiert nun den Kurs der Wirtschaft, zu seinem eigenen Vorteil. Es kommt zum Rapture-Bank-Crash und die eigene Währung Rapture Dollar verliert ihre Bedeutung4. Daraufhin wird ADAM zur ‚Währung‘, es kommt zum Untergang der vorherigen Gesellschaftsordnung in Rapture.

Ryan’s Great Chain and the Parasites
Der narrative Fokus liegt im ersten Teil von Bioshock eher auf dem „oh mein Gott was ist das hier, was lief hier schief und warum bin ich hier?“. Nur an den überall in der Spielwelt verstreuten Propaganda-Plakaten, der Architektur und den Sprachaufnahmen der verschiedensten Charakteren erfährt man noch mehr über den Hintergrund der Story, aber auch weiteres zu der politischen Gestaltung von Rapture. So wie z.B. die „great Chain“, die große Kette. Sie soll den angestrebten kapitalistischer Idealzustand symbolisieren: die Kombination der Anstrengungen und Arbeit aller, die alle vereint5. Allerdings unter der Bedingung des Egoismus, damit die Kette in die richtige Richtung zieht / gezogen wird. Keine Regierung bestimmt wohin es geht. Wenn sie dieses behauptet, hat sie entweder die Hand in deinem Portmonee (soll heißen Sozialismus) oder die Waffe in deinem Nacken (wie unter tyrannischer Herrschaft). Die Kette soll dem Markt und dessen Evolution in Rapture beschreiben und kann nur in einer (unbeschränkten) freien Marktwirtschaft wirklich durch das Interesse (Egoismus) aller Arbeitenden und dadurch für das Interesse aller sich entwickeln. Ryan lehnt deshalb Regierungen ab und sieht kein Platz für sie in einer Gesellschaft offenen Handels. Darin ist ein Bezug auf die „unsichtbare Hand des Marktes“ wie bei Adam Smith zu sehen, was sich in den Abbildungen der „great Chain“ manifestiert, denn diese wird immer als eine Kette in fest geschlossener Hand gezeigt.
Des Weiteren bringt Andrew Ryan einen grotesken Vergewaltigungs-Vergleich fertig, indem er sagt:
„On the surface, the Parasite expects the doctor to heal them for free, the farmer to feed them out of charity. How little they differ from the pervert who prowls the streets, looking for a victim he can ravish for his grotesque amusement.“ Der Hass auf Parasiten, welche als vage definiertes Feindbild oft in seinen Tiraden herhalten müssen, stellt eine besondere Qualität Ryans Ideologie dar. Denn an ihnen kann er seine schlimmsten Auswüchse des tyrannischen ausleben: „A few stretched necks are a small price to pay for our ideals.“ Womit er in einer kleinen Rede zur Todesstrafe in Rapture klarmacht, dass diese ein geheiligtes Mittel zum Zweck ist.

Ryan versus Lamb
Im zweiten Teil geht das eintauchen in die politische Welt von Rapture weiter und man kann sich einem idiologischen Streit zwischen Andrew Ryan und der nun dominierenden Sofia Lamb6 nicht entziehen, da dieser noch direkter in den Spielverlauf eingewoben ist. Andrew Ryan predigte einen staatenlosen, individualistischen Kapitalismus und hoffte daraus würde etwas gutes entstehen, da die Menschen in Konkurrenz und ohne Einschränkungen genau dem nachgehen was sie wollen und somit alle ein gutes Leben führen. Sofia Lamb kommt als Psychologin zu einer Zeit ins Spiel in dem diese Vorstellung an der Realität einer sich gegenseitig ausbeutenden und leidenden Gemeinschaft scheitern und der Schrei nach einem neuen Glauben, an dem man sich festhalten kann, groß wird. Sie setzt auf völlige Kollektivierung, das Ich soll nicht mehr Maßstab sein, sondern die Gemeinschaft. Der kalten Umgebung wird eine warme Gemeinschaft, die „Rapture Familiy“, entgegengesetzt. Zu dessen Grundlage sie das Buch „Unity & Metamorphosis“ schreibt. Ein Zitat aus dem Buch: „Look around, my friends. Rapture is a mass grave. Here lies the holy self, a budding Mozart rots beside a girl who might have surpassed Einstein. Those who survived the war still crave the ADAM drug. Locked within ourselves, we were unfit for utopia.

Retrospektive
Warum musste es so kommen, dass das Projekt Rapture scheitert, bzw. warum haben es die Entwickler*innen so gestaltet? Die anfänglichen Ideen Ryans werden als gute, visionäre Vorstellungen dargestellt, die Scheitern müssen, weil die Menschen eben schlecht sind. Sie werden eingeführt in eine Art Naturzustand, wie Thomas Hobbes sich ihn vorstellte, indem nur noch die Selbsterhaltung zählt und alle Interaktion mit anderen Individuen unter diese Prämisse gestellt werden. Die Menschen die einem in beiden Teilen von Bioshock begegnen, sind größtenteils sog. Splicer – quasi-Zombies, die nicht nach Fleisch und Blut trachten, sondern nach ADAM, das inzwischen alle in der Stadt in sich tragen.
Soll die Geschichte in Bioshock zeigen das kapitalistische Ideale toll sind, nur eben gefährlich, wenn sie zügellos ausgelebt werden? Oder steckt in Bioshock sogar ernsthafte Kritik am Kapitalismus?
Es kommt zum einen darauf an wie ich die Botschaften verstehen will. Träume ich von einem solchen Individualismus, gepaart mit konservativen Rollenvorstellungen der 1950’er Jahre und gucke mir durch eines der Fenster im Spiel die wunderschöne und ein bisschen schaurige Stadt an und denke: „Ach wie wäre das toll wenn man in solchen Gesellschaft, wie Andrew sie sich erträumt, leben könnte… Oh da kommt ein Splicer – anzünden! Und abknallen!!!“. Bioshock bietet eine Reise in den Abgrund der Seele, zeigt was passiert, wenn Menschen mit Menschen machen können was und wie es ihnen gefällt (ohne moralische Einschränkungen). Zum Beispiel gibt es einen Arzt und Schönheits-Chirurgen, der Patient*innen verstümmelt und umformt, weil er keine Lust mehr auf die gleichen Wünsche nach schönen und damit sehr uniformen Gesichtern hat.
Der mögliche Schluss aus dieser Sichtweise auf die Botschaften: die einzige Möglichkeit diesem zu entgehen bleibt unsere heutige kapitalistische Gesellschaft, in der eben Einschränkungen herrschen, die das Individuum vor der Gemeinschaft und umgekehrt schützen sollen. Die Verherrlichung des normalen Lebens an der Oberfläche wird gerade im guten End-Video7
von Bioshock deutlich: Arbeit, Ehe, … – kurz: die gewöhnlichen Zustände im Kapitalismus fern ab von utopischen Vorstellungen.
Zum anderen könnte ich aus den Botschaften der Spielwelt Parallelen zur heutigen Gesellschaft ziehen, die drastisch dargestellten Folgen von Selbst-Optimierung und anderen gesellschaftlichen Zwängen. Denn auch wenn sich die Gemeinschaft Rapture’s frei machen will, baut sich hier wieder neuer Druck auf die Individuen auf. Bis das System in diesem Fall schließlich kollabiert und die Flucht in Kollektivismus und quasi-religiösen Fanatismus mündet. Aus dieser Sicht wäre es möglich zu folgern, dass Kapitalismus vielleicht generell nicht ohne großes Leid und Ungerechtigkeit funktioniert.

Rapture and Utopia
Rapture bietet einen Anlass überhaupt über Utopien nachzudenken. Soifa Lamb dazu:
[…] As individuals, no matter how brilliant — each was a prisoner to his or her own ego; a sea of dreams in constant flux. But in ADAM, their genes remain, ready to be tested against a moral vessel. Utopia cannot precede the Utopian. It will exist the moment we are fit to occupy it.“ und an anderer Stelle: „[…] But now, in theory, we can redraft the human blueprint. Serving the common interest can become as natural as breathing. The tyrant will simply go extinct.“
Aus ihren Zitaten geht die Idee hervor, das Utopien nur funktionieren, wenn die Menschen dazu passen. Das ist nur möglich indem diese umgeformt werden. Ihrer Vorstellung entspringt die selbst gewollte Aufgabe des eigenen Ichs für das Kollektiv. Die Menschen müssen dazu gezwungen werden frei zu sein. Sofia Lambs Theorien und Praxis weist an solchen Stellen eine Nähe zu dem Philosophen Jean-Jacques Rouseau auf. Etwas Näher liegt aber noch die Verbindung zu Ayn Rand, die in ihrem Buch „Anthem“ eine Gesellschaft beschreibt, in der ihre Mitglieder sich selbst nicht mehr mit Ich sondern Wir bezeichnen sollen.
Sofia Lamb wird zum Ende des zweiten Teils von Bioshock deutlich in ihrer pessimistischen Sicht und redet von Unmöglichkeiten der Realisierung von Utopien (gerade wegen der Geschehnisse im Spiel, die ich nicht weiter spoilern möchte). Soll das dem*der Spieler*in sagen, dass Utopien schöne oder auch gefährliche (oder beides?) Hirngespinste sind, aber eben nicht mehr? Ist Bioshocks Geschichte paradoxer Weise ein schaurig verpackter Anti-Utopie-Aufruf?

to be continued
In einem weiteren Text, der wahrscheinlich in der kommendes Ausgabe erscheinen wird, werde ich diesem und den Paralelen zu ihren Büchern „Atlas Shrugged“ und „Anthem“, sowie etwas bekannteren Theorie des Objetivismus von Ayn Rand nachgehen.

1Alle engl. Zitate, sowie der Liedtext und die Bilder stammen von der Website: https://bioshock.wikia.com/wiki/BioShock_Wiki

2Der Name Adrew Ryan ist ein Anagram der amerikanischen Philosophin Ayn Rand, zusätlich der Buchstaben Rew. Die Grundzüge des Charakters im Spiel sollen auf John Galt, einer Person aus dem Buch „Atlas Shrugged“ basieren.

3ADAM wurde bei sog. „Sea-Slugs“, also Tiefsee-Schnecken gefunden und Forschungen und Experimente machten es zu einer genverändernden Substanz, die einem quasi-Superkräfte verleiht.

4Klar sobald Planwirtschaft und Verstaatlichung ins Spiel kommt geht die Wirtschaft den Berg ab und alle moralischen Überbleibsel gehen völlig verloren – die Horror-Welt in der der*die Spieler*in eintaucht, wurde von verlogenen Idealen eines alten verkappten Kommunisten-Kapitalisten verraten, der sich selbst zu einem Mao/Stalin erhebt. Vlt. eine Anlehnung an China in der sich sozialistische Ideale mit kapitalistischen verbinden – die Verherrlichung von Arbeit und Hörigkeit sowie die Herrschaft von Unternehmen deuten darauf hin.

5Was ein Widerspruch zur individualistischen Ideologie Ryan’s, aber das spiegelt Ryans Biografie wieder, da er aus der UdSSR in die USA ging und somit auch zwei Systeme kennenlerne und Hoffnungen in diese setzte und von ihnen enttäuscht war – daraus Resultiert wohl die Kombination. Die Verherrlichung von Arbeit passt dabei bestens zu den Ideologien beider Weltmächte.

6Jordan Thomas, Creative Director bei Bioshock 2, sagte, dass die Figur von Agathe Christie aus der Serie „Doctor Who“ inspiriert ist. (https://www.2kgames.com/cultofrapture/podcasts – BioShock 2 Podcast Episode Nine: Sofia Lamb) Ihre Ideen wiederum sollen ebenfalls auf Ayn Rand beruhen, diesmal allerdings auf ihr Buch „Anthem“. Auf einen kleinen Aspekt des Vergleichs gehe ich später noch ein.

7Es gibt die 3 verschiedene Enden der Geschichte je nachdem wie man sich in den kleinen moralischen Möglichkeiten entscheidet. Die gute Version besteht darin alle sog. Little Sisters zu retten, anstatt zu töten. Über dieser Schwarz-weiß-Moral kommt Bioshock leider nicht hinaus. Sie werden beschützt von Big Daddies – Männer in großen, schweren und bewaffneten Tiefseetauch-Anzügen. Diese sind egal ob du als gut oder böse spielen willst zu töten. Die Litte Sisters sind kleine unschuldige Mädchen, die zu einer Frau (wer sonst kann auf Kinder aufpassen? Das Spiel spielt ja schließlich vor 1968) gelangen wenn sie gerettet werden.

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Über Keep Dancing

Ich bin ein Zine aus Rostock. Mich gibt es seit 2012.
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