Basisbanalitäten eines provinziellen Antifaschismus

Der Anfang allen Übels – oder aber auch nur ein Disclaimer

Was dieser Text weder versprechen noch halten kann, ist eine konsequent objektive und sachliche Darstellung des zu behandelnden Themas: Antifaschismus und das sogenannte „Antifa-Spektrum“. Die vorgestellten Punkte erheben weder Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Originalität, noch kann man sie als eine überall passende Musterschablone verwenden, unter der sich dann die Realität mehr oder weniger zu fügen habe, damit sie unter eben jene Schablone passe. Vielmehr soll der Text gerade durch eine subjektbezogene Perspektive Denkanstöße und mögliche Diskussionspunkte bieten, die sich außerhalb eines „szeneinternen“ Diskurses aufgrund diverser Ursachen in der Vergangenheit eher geringer Popularität erfreut haben. Besonderen Bezugspunkt findet dabei ein eher ländlich geprägter Antifaschismus abseits von Großstädten und bereits etablierten Strukturen.

Business as usual?

Es dürfte klar sein, dass Antifaschismus die Welt weder als Ganzes erklären kann, noch lässt sie sich damit nach unseren Vorstellungen gestalten. Antifaschismus ist in erster Linie ein Teilbereich linker und linksradikaler Politik, aber nicht ihr Kern. Wer „gegen Nazis“ ist, vertritt im Kontext linksradikaler Gesellschaftskritik ein eher bescheidenes Anliegen, verglichen mit dem, worauf radikale Kritik abzielt: Die Verwirklichung einer emanzipatorischen Gesellschaft. Natürlich lässt sich so etwas nicht mit Nazis auf die Beine stellen, auch deswegen scheint ihre konsequente Bekämpfung auf verschiedenen Ebenen als zwingendes Übel, sollte jemals die Vorstellung einer solch befreiten Gesellschaft ernsthaft verfolgt werden. Nazis und ihre Ideologie stellen einen krassen Widerspruch zu den Überlegungen einer Welt dar, in der alle an den Vorzügen einer befreiten Gesellschaft teilhaben können. Ein klassischer Antifaschismus ist in erster Linie also die (Selbst-)Verteidigung vor den Umtrieben von Nazis und eine wirksame Gegenwehr. Sie muss offensiv erfolgen und mit allen Mitteln durchgesetzt werden, die verantwortbar sind. Problematisch wird eben jener Antifaschismus, wenn er selbst in die Menschenverachtung abdriftet und emanzipatorische Grundprinzipien über Bord wirft. Mit anderen Worten: Wer Nazis/“Bullen“/“Bonzen“/etc. den Tod wünscht oder ihnen gar nach dem körperlichen Wohlergehen trachtet, wer Songs wie „Hetzjagd auf Nazis“ (Atari Teenage Riot) am liebsten wörtlich nehmen würde oder allseits beliebte Sprüche wie „ACAB – All Cops Are Bastards“ oder etwa „Faire Arbeit, fairer Lohn – Bullen in die Produktion!“ abfeiert, sollte sich mal ernsthaft Gedanken über die Entmenschlichung machen, die er_sie mit der Personalisierung struktureller Gesellschaftspositionen und seinem Militanzfetisch betreibt.
Das wünschenswerteste Ergebnis einer klassischen Antifa-Arbeit stellt im Gegenzug ein Resultat dar, in dem Nazis entweder von ihrem Treiben ablassen oder sich letztendlich sogar von ihrer Ideologie verabschieden. Aber eben auch bei einer realistischen Konzeption dieses wünschenswerten Ziels, kann so etwas in aller Regel nicht immer ohne (Gegen-)Gewalt erreicht werden.

Warum ein konsequenter Antifaschismus mehr als nur den Kampf gegen Nazis beinhaltet

Vielen von euch dürfte klar sein, dass sich das breite Spektrum an verschieden Antifagruppen nicht bloß auf einen „klassischen“ Antifaschismus reduzieren lässt. Wenn hier also von einem klassischen Antifaschismus die Rede ist, dann ist damit in erster Linie „typisch linkes Engagement“ gegen Nazis gemeint: Recherche über rechte Aktivitäten, die Verhinderung von Naziaufmärschen und Teilnahme an Gegendemonstrationen, Selbstschutz vor Übergriffen, Abhalten von Veranstaltungen und Vorträgen, usw. Solche Aktionsformen sollten nicht klein geredet werden und die Absicht dieses Artikels besteht schon gar nicht darin, Leute davon abhalten zu wollen in diesen Bereichen tätig zu sein – natürlich ist diese Arbeit weiterhin notwendig und mehr oder weniger sinnvoll. Doch ein konsequenter Antifaschismus muss darüber hinausgehen und mehr als nur den Kampf gegen Nazis implizieren.
Wichtig beim Lesen dieses Textes ist zu begreifen, dass die Person, die diesen Artikel verfasst hat, selbst als Antifaschist_in in einer Kleinstadt mit den Schwierigkeiten des Provinzlebens konfrontiert ist. Das heißt, ich weiß wie zäh und mühsam es ist, im Kampf gegen Nazis noch „das große Ganze“ im Auge zu behalten und dabei noch über seinen eigenen Tellerrand blicken zu können. Ich kenne selbst die Probleme, die das Dasein in einer Gruppe in einem Kaff mit sich bringt: kaum selbstverwaltete Freiräume, eine marginale linksradikale Öffentlichkeit, chronischer Geldmangel, eingeschränkte Mobilität und die wirklich große Aussicht auf eine konkrete Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse fehlt auch. Die Liste könnte natürlich fortgeführt werden und die Schwärmerei von einem Umzug in die nächste Großstadt auch. So verwundert es dann auch nicht wirklich, wenn klar ist, dass sich viele Gruppen nach einiger Zeit bereits wieder auflösen oder am Rande ihres eigenen Existenzminimums vor sich hindümpeln.

Alles scheiße, also lassen wir’s doch gleich bleiben?

Und jetzt kommt irgendwer aus einem Provinznest daher, schreibt einen ellenlangen Text und verlangt, dass Antifas über ihr eigenes Dasein als Teil einer linksradikalen Bewegung reflektieren und sich mit so Dingen wie Herrschaftsverhältnissen auseinandersetzen. Als ob man nicht schon genug ausgelastet wäre mit der Arbeit gegen Nazis. Natürlich wäre es leicht, auf die oben beschriebenen Probleme einfach der Resignation freien Lauf zu lassen. Doch was für manche schon zu viel ist, sollte für uns als Antifaschist_innen noch lange nicht genug sein. Während sich zum Beispiel so ziemlich alle linken Organisationen gegen rechts positionieren und sich damit politisch schon mal auf der sicheren Seite glauben, haben sie vielleicht gar kein kritisches Bewusstsein für all die anderen miesen Zustände, die zwischen uns und einem schönen Leben für alle stehen. Wäre das Konzept Antifa mit dem Einpunktprogramm „Antifaschismus“ bereits ausgeschöpft, wäre es eine banale Legitimation des Status quo und würde somit konsequenterweise all jene Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft unwidersprochen lassen, die wir ablehnen und scheiße finden.

Let’s get radical!

Und damit kommen wir direkt zum springenden Punkt der Sache: Wer Nazis und ihr Aufkommen wirklich verstehen will, muss sich zwangsläufig mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen, in denen Nazis ihr Unwesen treiben können.1 Klar, dass wir für die Analyse des Neonazismus keine Musterlösung parat haben, um ihn 100% treffend analysieren und verstehen zu können. Aber das ist auch gar nicht unser Anspruch. Vielmehr soll die Notwendigkeit einer Theoriebildung das Verhältnis von Ursache und Wirkung verdeutlichen. Das heißt verständlicher ausgedrückt, dass eine bloße Brandbekämpfung des Phänomens Neonazismus nicht wirklich erfolgversprechend ist, wenn dabei die Voraussetzungen für das Aufkeimen von rechten Ideologien nicht versucht werden zu verstehen. Eine oberflächliche Bekämpfung von Nazis ist zumindest ein Widerspruch zum linksradikalen Selbstverständnis der meisten Antifas, wenn diese sich gegen Staat, Nation und Kapital positionieren. Natürlich ist dieses Ausprobieren von Theorien eine Geschichte des Widerlegens und Verwerfens verschiedener Ansätze antifaschistischer Politik – eine ausführliche Darstellung all jener Diskurse würde den Rahmen dieses Artikels sprengen –, doch können sich die Theorien zwangsläufig erst in einer konkreten Praxis des Handelns an ihrem theoretischen Anspruch messen lassen.

We don’t need no education? – ein Plädoyer für die Bildung

Ist man vielleicht schon in weiten Kreisen des Antifaspektrums der Meinung, dass Lesen out wäre, spiegelt sich diese Einstellung in den zutreffenden Fällen an der entsprechenden Wirklichkeit wider; ihren Ausdruck findet sie in der Ohnmacht antifaschistischer Politik. Während viele Provinznester isoliert von jeglichem linksradikalen Diskurs ihren Pragmatismus recht unbeeindruckt weiterfahren, besitzt die antifaschistische Szene in Großstädten den zweifelhaften Luxus, sich bis in die Absurdität hinein zu zerstreiten und zu spalten. Natürlich ist das nicht zwangsläufig der Fall, aber bereits verschiedene Demoaufrufe, Bündnisse und Strömungsrichtungen verdeutlichen eine unüberschaubare Heterogenität linksradikaler Zusammenschlüsse. Doch problematisch ist nicht nur der Gegensatz zwischen Stadt und Land, sondern vor allem zwischen den jeweiligen Mitgliedern einzelner Gruppen. Gegen dieses Informations- bzw. Bildungsgefälle auf die Dauer helfen tatsächlich nur ein engagiertes Lernen und Diskutieren entsprechender Inhalte. Ob Workshops, Lesekreise, Vorträge, Diskussionen oder sonstige Formen der Wissensaneignung, die Möglichkeiten eines gemeinsamen Zugangs zu politischer Bildung ist notwendige Voraussetzung einer kollektiven Handlungsbasis. Wenn alle einen Plan haben, können alle mitreden und den Gegenstand hinterfragen. Wenn nur eine_r einen Plan hat und alle anderen wenig Ahnung, bilden sich leicht nervige und hindernde Hierarchien heraus. Zudem schüchtert solches Besserwisser-Verhalten unnötig ein und schafft unangenehme Situationen, in der sich die Leute gehemmt fühlen, etwas „Falsches“ oder „Dummes“ zu sagen.
Zusatz: Wer kennt das nicht? Die Provinz ist tot, die letzte NPD-Kundgebung Monate her, der nächste Naziaufmarsch in der nächsten Stadt erst in ein paar Monaten und die lokalen Nazis lassen momentan auch wenig von sich hören? Was also machen in der Zeit der „Flaute“? Gerade in solchen Zeiten kann es nicht verkehrt sein, sich mit Theorieaneignung und gesellschaftskritischen Inhalten auseinanderzusetzen. Nicht nur, um weiterhin die Kontinuität antifaschistischer Strukturen zu wahren, sondern der bereits oben erwähnten Punkte halber.

Das halb leere Glas…

Wer seine Diskussionen in erster Linie auf Aktionsformen und -taktiken beschränkt, muss sich zwangsläufig die Frage nach dem Anspruch stellen lassen, ob sie überhaupt ein Konzept linksradikaler Politik besitzen (können). Das heißt, dass zu aller erst über die inhaltliche Begründung antifaschistischer Arbeit Auseinandersetzungen geführt werden müssen, bevor irgendwelche Aktionen gerissen werden, denn wer blindlings in die Gesellschaft hinein interveniert, ohne in der selben eine konkrete Kritik zu üben, handelt im höchsten Maße unreflektiert. Das Hintenanstellen inhaltlicher Theoriebildung entwickelt in diesem Zusammenhang eine Eigendynamik, die dazu führt, dass Debatten vor allem über Pragmatismus, Strategien und die Bewegung an sich geführt werden. Was dabei zu kurz kommt, ist der politische Gehalt, den die Antifaarbeit in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext stellen will. Wer nur ein Problem mit Nazis hat, dabei aber Kapital, Staat und Nation weitgehend unhinterfragt lässt oder gar ausblendet, verhält sich nicht nur im höchsten Maße affirmativ zur bestehenden Gesamtscheiße mit ihren tagtäglichen Zumutungen (parteipolitischer Parlamentarismus, Kapitalverhältnis, Abschiebungen, usw.), sondern verkennt auch die maßgeblichen Kontextbedingungen des Nazismus. Historisch gesehen, entwickelten sich nationalsozialistische Ideologien erst im Laufe einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und die Machtergreifungen von faschistischen und nazistischen Gruppierungen erfolg(t)en stets unter den Bedingungen eines mehr oder minder kapitalistischen Nationalstaats. Ein Anfang könnte also sein, die historischen und theoretischen Formbestimmungen von faschistischen bzw. nazistischen Ideologien zu betrachten. Fast schon obligatorisch erscheint dabei der Hinweis, dass sich Ungleichheits-Ideologien auch in der vermeintlichen „Mitte der Gesellschaft“ reproduzieren. Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, Sexismus, Homophobie, etc. sind eben nicht Randphänomene von Neonazis, sondern fester Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft, in der wir leben. Wer es also in der Tat mit der befreiten Gesellschaft ernst meint, habe daher auch als Antifaschist_in den Anreiz, die Funktionsweisen und Verhältnisse dieser Gesellschaft zu verstehen und zu kritisieren.

…bitte nochmal voll machen!

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass es einer antifaschistischen Bewegung um eine nachvollziehbare Grundorientierung gehen muss. Gedanken müssen ebenso darüber geführt werden, wie man Leute erreicht und letztendlich politisiert. Dabei müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse als von Menschen gemachte Probleme erkannt und kritisiert werden. Die politische Dimension alltäglicher Probleme kann dazu beitragen, den Menschen genau dies vor Augen zu führen. Die Inhalte von Antifa-Arbeit lassen sich dabei im Wesentlichen nur darüber bestimmen, was sich als Gegenpunkt zu reaktionären Ideologien kristallisiert. Orientiert werden muss sich dabei an der gesellschaftlichen Relevanz rechtsradikaler und menschenfeindlicher Positionen, um dazu effektiv Gegeninhalte zu entwerfen. Letztendlich lässt sich dies nicht ohne eine theoretische Reflexion der Praxis verwirklichen.

by Esra
Der/die Autor_in schreibt außerdem auf esra.blogsport.eu

1Siehe hierzu auch die „Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung“ in der letzten Ausgabe.

Inhaltlich orientiert sich der Artikel vor allem an folgenden Quellen:
1. Beitragsdokumentation der Marburger Antifa Gruppe 5
2. Antifa. Geschichte und Organisierung. Keller/Kögler/Krawinkel/Schlemermeyer. Schmetterling Verlag, Stuttgart. 1. Auflage 2011.

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2 Kommentare zu Basisbanalitäten eines provinziellen Antifaschismus

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