Nokas – not a piece of cake

Ein Filmreview

Durch den Trailer und die kurze Filmbeschreibung war zwar zu erwarten was kommt, aber dennoch war ich gespannt, wie die Dinge im Detail ablaufen würden. Selten habe ich einen so packenden Action-Streifen gesehen. Die Story ist anders erzählt als es in Filmen oft der Fall ist, eine solch andere Art des Blickwinkels auf ein Geschehen ist ziemlich rar. Schon am Anfang wird auf den historischen Background hingewiesen, es handelt sich um den größten und meist diskutierten Überfall Norwegens1: Der NOKAS2-Raub in Stavanger, am 05. April 2004, um 8 Uhr morgens.

VOR DEM RAUBÜBERFALL

Kurz vor der Aktion laufen die letzten Vorbereitungen. Es läuft ziemlich ruhige Hintergrundmusik – die sich durch den ganzen Film zieht, der kaum Musik hat, sie ist aber dennoch durch ihre untypische zurückhaltende Rolle wichtig für das erzeugte Feeling.

Der signifikante Unterschied zu „üblichen“ Blockbustern, die einen Banküberfall o.ä. zum Thema haben, ist zu spüren. Denn es werden weder die raubenden Personen ab-gefeiert, besonders cool oder total niederträchtig dargestellt – und im Gegenzug die Cops auch nicht idealisiert. Das Problem solcher Filme sehe ich meist darin, dass sie so oft aus Sicht irgendwie heroisierter Cops (ob als bad- oder good-Guy spielt keine Rolle, wähle bewusst nur die männliche, weil omnipräsente Form) gezeigt werden. Ebenso werden oftmals ziemlich unrealistische bis übertrieben bombastische Tathergänge auf den Bildschirm gezaubert. Als trotzdem recht positive Gegenbeispiele fallen mir da „Inside Man“ und „Heat“ ein, beide sind riesige Produktionen, beide haben interessante Storys, ersterer mit politisch gefärbter Handlung, letzterer fällt sogar in einem der wenigen Gespräche, der sich auf dem Weg zur Bank befindenden NOKAS-Einbrecher3. Begründungen für die Tat stellen keine politischen, antikapitalistischen oder sonst wie emanzipatorischen Überzeugungen da: „let‘ get paid gentlemens“ – in diesem Ausspruch, der im Film fällt, stecken zwei Probleme: persönliche Bereicherung als Antrieb und „wir sind eine reine Männer*-Crew“.

WÄHREND DES RAUBÜBERFALLS

Angestrebt waren maximal acht Minuten, um der Polizei entwischen zu können, bevor diese handlungsfähig sein würde. Doch der angekündigte „piece of cake“ – das Fenster, dessen Versuch der Zerstörung schon im Trailer Eindruck schindete, sollte sich dann doch als hart zu knackende Nuss darstellen. Die angespannten Nerven der Einbrechenden und der Arbeiter*innen bei NOKAS wurden jedenfalls um einiges länger beansprucht, als zuvor geplant.

Mich interessieren mehr Hintergrundaspekte und Stilmittel des Films, deswegen werde ich nicht weiter auf den genauen Tathergang eingehen. Es kommen hier und da kleine Slowmotion-Einlagen vor, die aber nicht aufgesetzt und besonders cool, sondern sehr gut überlegt und eingesetzt wirken. Ein Faktor, der mich beim Schauen wahnsinnig gemacht hat ist, das die Menschen ihrem normalen Alltag nachgehen, ziemlich lange ziemlich unbeeindruckt vom Geschehen bleiben und vorbeigehen, an den als Beredskapstroppen4 verkleideten Einbrechern, die den öffentlichen Platz vor NOKAS bewachen. Selbst nachdem die als erstes angekommenen Cops anfangen zu schießen, wodurch auf offener Straße ein Feuergefecht losbricht, sind einige immer noch ruhig dort unterwegs. Diese absurd gemachte Normalität, dieser Durchbruch der Fensterscheibe. Ob diese Leute nur des Geldes wegen den Einbruch wagten, oder schlichtweg auch einfach um ihn begangen zu haben? Konsumiere ich meine eigenen Wünsche nach durchbrochener Realität und ausgehebelten Eigentumsrechten mit solchen Filmen? Und bin gerade dieses mal so begeistert, weil es so real wirkt? Es geht hierbei auch um Gewalt und die Gefahr für Menschen, durch die Handlungswillkür plötzlich sehr mächtiger Personen (wenn auch nur temporär). Gerade im militärischen Auftreten und Mord (an einem zufälligen Polizisten) kommen da negative Assoziationen auf.

NACH DEM RAUBÜBERFALL

Ca. 57 Millionen Kronen wurden gestohlen, aber davon nur 6 Millionen je gefunden. Alle im NOKAS-Raub Involvierten wurden letztendlich gefunden und 2 Jahre später zu insgesamt 181 Jahre Knast verurteilt. Der ganze Fall soll den norwegischen Staat 160 Milionen Kronen gekostet haben.5 Es wurde auch deswegen von stattlicher Seite so sehr verfolgt, weil dabei ein Polizist ums Leben kam, etwas das bisher sehr selten in Norwegen vor kam.

Der Raub steht angeblich im Zusammenhang mit dem 4 Monate später stattgefunden dreisten Einbruch im Oslo’er Stadt-Museum, beim dem die Bilder, “Der Schrei” und “Madonna” von Edvard Munch, entwendet wurden. Es wird berichtet, das dieser Coup ablenken sollte und das die Polizei die Bilder nur wieder fand, weil sie mit dem selbst-bekennenden Anstifter des NOKAS-Raubs: David Toska in geheimen Verhandlungen stand. Er wollte seine Strafe verringern.6 Es wird auch vermutet das er hinter weiteren steckte, u.a. einen anderen Kommando-ähnlich-geführten Überfall auf eine Poststelle des staatlichen Post-Unternehmens „Posten Norge“ ein Jahr zuvor.7 Toska wurde 2005 in Malaga, Spanien gefasst.

FAZIT

Da ich den Film nur in OV mit englischen Untertitel gefunden habe, sollten sich geneigte Zuschauer*innen wohl auf schwedische Sprache einstellen, was aber den Realismus nochmals zu tut. Ein Film für Leute denen suspense-Action mit Bank-Überfall-Thema und „auf wahren Tatsachen beruhend“ gefällt und die sich auf eine untypische Drehart einlassen wollen. Von den Dialogen bis zur Filmmusik ist alles ziemlich stimmig und ruhig, im Gegensatz zur gezeigten Handlung, die bis zum plötzlichen Ende immer hektischer und chaotischer wird. Ein Film der schnell vorbeizieht und merklich Eindruck hinterlässt.

by Silvie

1 Frei übersetzt von: http://www.stavanger-web.com/features/nokas.htm
2 Bargeldtransportservice im Erdgeschoss der norwegischen Zentral Bank
3 Die komplette Crew bestand aus männlich-sozialisierten Personen
4 Spezialeinheit der norwegischen Polizei https://de.wikipedia.org/wiki/Beredskapstroppen
5 Das und weitere Infos: https://en.wikipedia.org/wiki/NOKAS_robbery
6 http://today.msnbc.msn.com/id/14625906
7 https://en.wikipedia.org/wiki/David_Toska

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