Bomben auf Rostock!

Bomben auf Rostock!1

Nun ist die Hansestadt nicht mehr nur der stolze Rüster des deutschen Reiches, nein, sie wird Opfer des Krieges. Die britischen Flugtruppen lassen gnadenlos die Geschosse los, so wie es die deutschen vor wenigen Monaten selbst noch mit ihren Feinden getan hatten.Zitat aus dem Internetportal „Kulturhafen Rostock“

Vor 70 Jahren ereigneten sich die schwersten Angriffe der britischen Luftwaffe, der Royal Air Force, auf Rostock. Dabei wurden etwa ein Viertel der Wohnhäuser zerstört und weitere 60 Prozent beschädigt. Am stärksten betroffen war die dicht bebaute Innenstadt – gemessen daran erscheinen die 221 Toten recht wenig.
In dieser schönen Jahreszeit, zu der es allerlei zu feiern gäbe – etwa am 1. Mai die Befreiung Rostocks vom Nationalsozialismus (NS) durch die Rote Armee oder am 8. Mai den Victory in Europe Day und damit das Ende der nationalsozialistischen Vernichtungsherrschaft überhaupt –, wird in Rostock, bewusst oder unbewusst, eine ganz andere Perspektive in den Vordergrund gerückt. Eine Ausstellung mit dem Namen „In Trümmern. Die Zerstörung Rostocks im April 1942“ vom Kulturhistorischen Museum Rostock (mit Sonderführungen für Schulklassen), mobile Lesungen in Rostocks Straßenbahnen „zu Orten der Bombardierung von 1942“ (Titel: „Helle Nächte, dunkle Tage“) vom Volkstheater Rostock und eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „JahresTage“ sind nur die auffälligsten Events, bei denen sich der_die geneigte Rostocker_in in diesen Tagen für die lokale Geschichte interessiert zeigen und im schlimmsten Fall einen ganz individuellen Opfermythos kultivieren kann.

„I want my city back
Back the way it used to be
I want it back the way it was“
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Am wenigsten anfällig für solche Opferkonstruktionen könnte man vielleicht die Ausstellung des Kulturhistorischen Museums einschätzen, da Museen im Allgemeinen einen wissenschaftlichen Anspruch haben und einem pädagogischen Auftrag nacheifern. Und in der Tat erfährt hier die Bombardierung Rostocks ein Minimum an geschichtlicher Einbettung und versucht auf diese Weise einer ausschließlichen Opferrolle der Deutschen entgegenzuwirken. Dass mit der reißerisch wirkenden Plakatwerbung (man beachte v.a. die rote Überschrift „In Trümmern“ auf schwarzem Hintergrund) zunächst jedoch nur originär deutsche Emotionen angesprochen werden, ist eine andere Sache. Die Ausstellung jedenfalls, so versichert Museumsleiter Steffen Stuth, würde den „ganzen Zweiten Weltkrieg“ in den Blick nehmen und nicht nur die Zerstörung der Stadt. Wer die Ausstellung besucht hat, kann sich jedoch die Frage stellen, wie dieses Ziel überhaupt vermittelt werden soll, ob die Ausstellung überhaupt genug auf dieses Ziel drängt. Denn als gefühltes Opfer der Bombardierungen von 1942 hat der ein oder die andere in der Ausstellung sicherlich eine geeignete Gedenkstädte der persönlichen oder kollektiv vermittelten Leiden gefunden. Hoch ergriffen, kann sich durch die Ausstellungsräume im stillen Gedenken schleichen, wer sich als Opfer fühlt, um hier eine ganz individuelle Andacht zu begehen. Dank der unzähligen Fotos – bei deren Betrachtung kann man auch schon mal vergessen, sich die paar wenigen Texte zur besagten historischen Einbettung zu Gemüte zu führen – braucht man dabei auch an nichts anderes zu denken, als an das Leid, welches einem (oder eben der eigenen Sippe) widerfuhr: ein spezifisch deutsches Leid, von welchem man natürlich – zugehörig zum Kollektiv – ein Teil ist. Zu sehr steht die Zerstörung der Stadt im Vordergrund, zu sehr wird bei der Ausstellung auf den Effekt der Bilder einer zerstörten Stadt gesetzt – und für diejenigen, die sich das Grauen des „Angriffs auf Rostock“ damit noch nicht ausreichend verdeutlichen konnten, warten noch ein paar Exponate, wie etwa zusammengeschmolzenes Kupfer „vom Dach der Petrikirche“ oder Gasmasken, „die an die Rostocker verteilt wurden, um sich zu schützen.“3 In wenigen Sätzen wird davon geredet, dass Deutschland den Krieg begann und die Bombardierung als Reaktion zu bewerten sei. Geschwiegen wird hingegen von der ideologischen Dimension des NS und davon, dass dieser das größte, schrecklichste und unvergleichbare Menschheitsverbrechen plante und durchführte: die bürokratisch bis ins Detail durchdachte, industrielle Eliminierung der europäischen Jüdinnen und Juden. Das Wort Holocaust oder gar Shoah sucht man in der Ausstellung vergeblich. Lediglich von der Verfolgung von Kommunist_innen und dem Boykott von jüdischen Geschäften ist die Rede. Es ist richtig und notwendig das zu erwähnen, jedoch nicht hinreichend! Genau so richtig ist es, die Bombardierung als Reaktion zu bezeichnen, unzureichend hingegen, sie nicht gleichzeitig als wohl einzige Möglichkeit zu benennen, den wahnhaften Glauben an die Volksgemeinschaft zu brechen und den NS-Staat in die Knie zu zwingen!

Am Ende sollte sich also doch bestätigen, dass sich die ganze Ausstellung hauptsächlich um die Bombardierung an sich dreht. Die Nennung des NS und dessen Verbrechen gerät dabei eher zum Zusatz. Somit ist die Erwähnung des Themenkomplexes NS als geschichtlicher Rahmen eher der historischen Vollständigkeit geschuldet und bleibt für den Kerninhalt der Ausstellung weitestgehend konsequenzlos. Der Kerninhalt der Ausstellung kann auch getrost losgelöst davon betrachtet werden, ohne für die_den Museumsbesucher_in an Stringenz zu verlieren. Freilich kann, wer möchte, auf den Texttafeln nachlesen, dass der Krieg als Reaktion nach Rostock kam und eine Antwort auf die Kriegshandlungen der Deutschen gewesen sein. Aber die wohl wenigsten, die (oder deren Vorfahren) damals Familie, Hab und Gut verloren, werden sich heute nicht, bei diesem ins (kollektive) Gedächtnis eingebrannten Erlebnis, zumindest auch, als Opfer verstehen wollen und somit zwangsweise zur Relativierung des NS neigen. So wird man auf Nachfrage auch in Rostock weiterhin Sätze nach dem Motto zu hören bekommen: „Das war ja schon nicht ganz richtig, was der Hitler da gemacht hat, aber wir haben ja auch so unter dem Krieg gelitten!“ – Guido Knopp lässt grüßen.

„I looked around and found
This doesn’t feel like my hometown
And I don’t like the way it does“

Das augenscheinlichste dieses Gedenkens scheint mir (ähnlich wie in Dresden), dass das deutsche Opfersubjekt zumeist nicht mehr in der Verdrängung seine Identität konstruiert, sondern in der Intergration und vermeintlichen Reflexion vom NS. Indem man sich angewöhnt hat, den NS wenigstens als Frame zu erwähnen, „weil das eben dazu gehört“, legitimiert man damit vor sich selbst und vor den anderen den eigenen, selbst verliehenen Opferstatus. Man ist nicht mehr Opfer trotzt, sondern wegen des NS (genau wie seit den 90ern Bundeswehreinsätze nicht mehr trotz, sondern wegen Auschwitz stattfinden, ja stattfinden müssen, weil man doch aus der Vergangenheit gelernt habe). Eine solche Verdrehung der Wirklichkeit kann nur vollzogen werden, indem man innerhalb des deutschen Kollektivs die Kategorien „Opfer“ und „Täter“ eröffnet. Auf der einen Seite die NS-Elite um Hitler (die angeblichen „Verfürer“ und „Blender“), auf der anderen Seite die einfachen deutschen Bürger_innen, die angeblich eigentlich immer nur irgendwie über die Runden kommen wollten und weder von Kriegsverbrechen, noch von der Shoah etwas wussten – oder besser: gewusst haben wollten. Genau dieses Verhältnis wird auch angesprochen, wenn Stuth von der „Zerstörung als Folge eines politischen Irrwegs“ redet.4 Verirrt und verwirrt und eben als Opfer der Umstände, wird der_die Durchschnittsrostocker_in nicht als das bewusst handelnde Subjekt, nicht als Täter_in gedacht (gleichgültig ob aktiv handelnd oder passiv akzeptierend und mitlaufend!).

„The sadness I felt just to look around
I looked up to the Citgo Sign
you used to be a friend of mine
do you agree with me at one time
this was once such sacred ground“

Einen weiteren aufschlussreichen Einblick in das deutsche Opfersubjekt ermöglicht eine Betrachtung der Veranstaltungsreihe „JahresTage“. Hier werden, aus einem zunächst vollkommen wahllos erscheinenden Grund, die Zerstörung Rostocks 1942 und der missglückte Versuch 1992 in Lichtenhagen Menschen mit Migrationshintergrund anzuzünden in einer Veranstaltungsreihe abgehandelt. Das ganze hat jedoch system und fügt sich wunderbar in das bisher Gesagte ein. Denn es ist nicht nur der Zufall des gleichen Zählers am Ende der beiden Jahreszahlen, sondern gehört zum neuen deutschen Sein, die Makel der Geschichte zu Überwinden indem man sie anspricht, aber gleichzeitig nicht thematisiert – wie weiter oben bereits gesagt: vermeintliche Integration, statt vollkommene Verdrängung.5 Die Naziverbrechen seien schlimm gewesen, die Bombardierung eine Reaktion, diese letztendlich aber auch schlimm. Die „Ausschreitungen“ von Lichtenhagen seien natürlich „nicht schön“ gewesen, aber genau so hässlich sei, dass der Stadt Rostock bis heute dieser Markel anhänge, obwohl man doch mitlerweile weltoffen, bunt, friedliebend und potentiell multikulturell sei.

Das die radikale Linke am 1. Mai lieber Räuber und Gendarm mit der Polizei und den „ewig gestrigen“ Neonazis in Neubrandenburg spielen möchte, statt dem deutschen und rostocker Opfermythos etwas sinnvolles entgegenzusetzen, ist Ausdruck ihres verkürzten Begriffs von Radikalität. Wer an dieser Stelle die zweite Parallele zu Dresden erkannt hat, bekommt einen metaphysischen Lolli.

by Casper

1 Eine reale Bombardierung (wie im Zweiten Weltkrieg geschehen) wäre in Zeiten einer transformierten Barbarei wohl nicht mehr ganz zeitgemäß. Daher müsste nach Alternativen gesucht werden, wie etwa die Altstadt mit friedlichen Mitteln zu dekonstruieren.
2 Alle englischen Zitate stammen aus dem Lied „I want my city back“ von „The Mighty Mighty Bosstones“.
3 Vgl. Die Internetzeitung „Das ist Rostock“ vom 24.03.2012. URL: http://www.das-ist-rostock.de/artikel/47429_2012-03-24_rostock-in-truemmern/
4 Siehe Fußnote 3.
5 Bezeichnend ist, dass sich nicht mal mehr die Mühe gemacht wird zu verschleiern, dass es in Rostock Lichtenhagen heute in Wahrheit um Imagepolitur geht und nicht um Aufarbeitung oder gar darum Konsequenzen aus der Vergangenheit zu ziehen, sei es die nahe oder die ferne. Im Gegenteil wird offen zugegeben, dass man Wiedergutmachung heute als ein Projekt ansieht, welches sich an einen selbst, eben an das deutsche Opfersubjekt richtet. So wird die Veranstaltung zu Rostock Lichtenhagen ganz unverholen mit „Grüße aus Lichtenhagen – Die Stadt und der Makel“ betitelt.

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