Bioshock – Teil 1

While Ryan believed in the genius of the individual, Lamb believes in collective effort and the power of the community, as well as a philosophy surrounding butterfly imagery, indicating rebirth. She considers Rapture’s failure to be undeniable proof that the „self“ is the root of all evil and suffering.“1

Rapture, eine Unterwasserstadt, weit entfernt von den Zwängen der Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Eine Utopie-Stadt in der nur die großen Geister, der kreative Wille und die freien Individuen eine neue Gesellschaft formen.
Ein sehr ungewöhnliches Szenario für ein Computer-Spiel eines Genres, in dem sich immer wieder un
d wieder altbekannte und stereotype Charaktere und Settings zeigen. Schließlich ist Bioshock ein Action-Shooter mit dummen Gegnern, die nur Futter für das virtuelle Abknallen darstellen. Dennoch verbirgt sich in dem Spiel – bzw. schreit es einen geradezu nach den ersten Minuten an –, dass sich dabei mehr gedacht wurde. Es ist vor allem Andrew Ryan2, der Erfinder und Gründer der Stadt im Spiel, dessen politische und ideologische Ideen, Forderungen und Konsequenzen einem überall begegnen.

Rise, Rapture Rise!
Die Geschichte Raptures wird so erzählt, dass diese Ideale in der Umsetzung einige Zeit gut gingen und zu einem unglaublichen technologischen Fortschritt führten (frei von allen ökonomischen und ethischen Beschränkungen). Das führte dazu, dass sich einige Geschäftsmodelle mit völliger Verachtung von menschlichem Leben entwickelten. Der große Gegenspieler von Ryan, ein Mann namens Frank Fontaine, der aufsteigt wie Gangster in den 1920’ern in den USA, wird selbst immer mächtiger und nimmt auf Politik und Gesellschaft Einfluss.
Ryan gibt mit der Zeit seine Ideale im Kampf gegen Fontaine um die Herrschaft über Bioshock auf. „something must be done about Fontaine … the great chain is pulling away from me. Perhaps it’s time to give it at a tug …“. Ryan baut alsdann eine ‚Security Force‘ (eine Mischung aus Polizei und Militär), um Fontaine Einhalt zu gebieten. Es kommt dazu das Ryan ‚Fontaine Futuristics‘ „verstaatlicht“ (womit er seiner Ideologie widerspricht, Rapture zuliebe). ‚Fontaine Futuristics‘ hat ein Monopol auf die Gewinnung von ADAM3
.
Ryan wird, was er vorgibt am meisten zu hassen: ein Tyrann, der über Rapture herrscht. Die „great Chain“ verliert ihre Bedeutung. Er diktiert nun den Kurs der Wirtschaft, zu seinem eigenen Vorteil. Es kommt zum Rapture-Bank-Crash und die eigene Währung Rapture Dollar verliert ihre Bedeutung4. Daraufhin wird ADAM zur ‚Währung‘, es kommt zum Untergang der vorherigen Gesellschaftsordnung in Rapture.

Ryan’s Great Chain and the Parasites
Der narrative Fokus liegt im ersten Teil von Bioshock eher auf dem „oh mein Gott was ist das hier, was lief hier schief und warum bin ich hier?“. Nur an den überall in der Spielwelt verstreuten Propaganda-Plakaten, der Architektur und den Sprachaufnahmen der verschiedensten Charakteren erfährt man noch mehr über den Hintergrund der Story, aber auch weiteres zu der politischen Gestaltung von Rapture. So wie z.B. die „great Chain“, die große Kette. Sie soll den angestrebten kapitalistischer Idealzustand symbolisieren: die Kombination der Anstrengungen und Arbeit aller, die alle vereint5. Allerdings unter der Bedingung des Egoismus, damit die Kette in die richtige Richtung zieht / gezogen wird. Keine Regierung bestimmt wohin es geht. Wenn sie dieses behauptet, hat sie entweder die Hand in deinem Portmonee (soll heißen Sozialismus) oder die Waffe in deinem Nacken (wie unter tyrannischer Herrschaft). Die Kette soll dem Markt und dessen Evolution in Rapture beschreiben und kann nur in einer (unbeschränkten) freien Marktwirtschaft wirklich durch das Interesse (Egoismus) aller Arbeitenden und dadurch für das Interesse aller sich entwickeln. Ryan lehnt deshalb Regierungen ab und sieht kein Platz für sie in einer Gesellschaft offenen Handels. Darin ist ein Bezug auf die „unsichtbare Hand des Marktes“ wie bei Adam Smith zu sehen, was sich in den Abbildungen der „great Chain“ manifestiert, denn diese wird immer als eine Kette in fest geschlossener Hand gezeigt.
Des Weiteren bringt Andrew Ryan einen grotesken Vergewaltigungs-Vergleich fertig, indem er sagt:
„On the surface, the Parasite expects the doctor to heal them for free, the farmer to feed them out of charity. How little they differ from the pervert who prowls the streets, looking for a victim he can ravish for his grotesque amusement.“ Der Hass auf Parasiten, welche als vage definiertes Feindbild oft in seinen Tiraden herhalten müssen, stellt eine besondere Qualität Ryans Ideologie dar. Denn an ihnen kann er seine schlimmsten Auswüchse des tyrannischen ausleben: „A few stretched necks are a small price to pay for our ideals.“ Womit er in einer kleinen Rede zur Todesstrafe in Rapture klarmacht, dass diese ein geheiligtes Mittel zum Zweck ist.

Ryan versus Lamb
Im zweiten Teil geht das eintauchen in die politische Welt von Rapture weiter und man kann sich einem idiologischen Streit zwischen Andrew Ryan und der nun dominierenden Sofia Lamb6 nicht entziehen, da dieser noch direkter in den Spielverlauf eingewoben ist. Andrew Ryan predigte einen staatenlosen, individualistischen Kapitalismus und hoffte daraus würde etwas gutes entstehen, da die Menschen in Konkurrenz und ohne Einschränkungen genau dem nachgehen was sie wollen und somit alle ein gutes Leben führen. Sofia Lamb kommt als Psychologin zu einer Zeit ins Spiel in dem diese Vorstellung an der Realität einer sich gegenseitig ausbeutenden und leidenden Gemeinschaft scheitern und der Schrei nach einem neuen Glauben, an dem man sich festhalten kann, groß wird. Sie setzt auf völlige Kollektivierung, das Ich soll nicht mehr Maßstab sein, sondern die Gemeinschaft. Der kalten Umgebung wird eine warme Gemeinschaft, die „Rapture Familiy“, entgegengesetzt. Zu dessen Grundlage sie das Buch „Unity & Metamorphosis“ schreibt. Ein Zitat aus dem Buch: „Look around, my friends. Rapture is a mass grave. Here lies the holy self, a budding Mozart rots beside a girl who might have surpassed Einstein. Those who survived the war still crave the ADAM drug. Locked within ourselves, we were unfit for utopia.

Retrospektive
Warum musste es so kommen, dass das Projekt Rapture scheitert, bzw. warum haben es die Entwickler*innen so gestaltet? Die anfänglichen Ideen Ryans werden als gute, visionäre Vorstellungen dargestellt, die Scheitern müssen, weil die Menschen eben schlecht sind. Sie werden eingeführt in eine Art Naturzustand, wie Thomas Hobbes sich ihn vorstellte, indem nur noch die Selbsterhaltung zählt und alle Interaktion mit anderen Individuen unter diese Prämisse gestellt werden. Die Menschen die einem in beiden Teilen von Bioshock begegnen, sind größtenteils sog. Splicer – quasi-Zombies, die nicht nach Fleisch und Blut trachten, sondern nach ADAM, das inzwischen alle in der Stadt in sich tragen.
Soll die Geschichte in Bioshock zeigen das kapitalistische Ideale toll sind, nur eben gefährlich, wenn sie zügellos ausgelebt werden? Oder steckt in Bioshock sogar ernsthafte Kritik am Kapitalismus?
Es kommt zum einen darauf an wie ich die Botschaften verstehen will. Träume ich von einem solchen Individualismus, gepaart mit konservativen Rollenvorstellungen der 1950’er Jahre und gucke mir durch eines der Fenster im Spiel die wunderschöne und ein bisschen schaurige Stadt an und denke: „Ach wie wäre das toll wenn man in solchen Gesellschaft, wie Andrew sie sich erträumt, leben könnte… Oh da kommt ein Splicer – anzünden! Und abknallen!!!“. Bioshock bietet eine Reise in den Abgrund der Seele, zeigt was passiert, wenn Menschen mit Menschen machen können was und wie es ihnen gefällt (ohne moralische Einschränkungen). Zum Beispiel gibt es einen Arzt und Schönheits-Chirurgen, der Patient*innen verstümmelt und umformt, weil er keine Lust mehr auf die gleichen Wünsche nach schönen und damit sehr uniformen Gesichtern hat.
Der mögliche Schluss aus dieser Sichtweise auf die Botschaften: die einzige Möglichkeit diesem zu entgehen bleibt unsere heutige kapitalistische Gesellschaft, in der eben Einschränkungen herrschen, die das Individuum vor der Gemeinschaft und umgekehrt schützen sollen. Die Verherrlichung des normalen Lebens an der Oberfläche wird gerade im guten End-Video7
von Bioshock deutlich: Arbeit, Ehe, … – kurz: die gewöhnlichen Zustände im Kapitalismus fern ab von utopischen Vorstellungen.
Zum anderen könnte ich aus den Botschaften der Spielwelt Parallelen zur heutigen Gesellschaft ziehen, die drastisch dargestellten Folgen von Selbst-Optimierung und anderen gesellschaftlichen Zwängen. Denn auch wenn sich die Gemeinschaft Rapture’s frei machen will, baut sich hier wieder neuer Druck auf die Individuen auf. Bis das System in diesem Fall schließlich kollabiert und die Flucht in Kollektivismus und quasi-religiösen Fanatismus mündet. Aus dieser Sicht wäre es möglich zu folgern, dass Kapitalismus vielleicht generell nicht ohne großes Leid und Ungerechtigkeit funktioniert.

Rapture and Utopia
Rapture bietet einen Anlass überhaupt über Utopien nachzudenken. Soifa Lamb dazu:
[…] As individuals, no matter how brilliant — each was a prisoner to his or her own ego; a sea of dreams in constant flux. But in ADAM, their genes remain, ready to be tested against a moral vessel. Utopia cannot precede the Utopian. It will exist the moment we are fit to occupy it.“ und an anderer Stelle: „[…] But now, in theory, we can redraft the human blueprint. Serving the common interest can become as natural as breathing. The tyrant will simply go extinct.“
Aus ihren Zitaten geht die Idee hervor, das Utopien nur funktionieren, wenn die Menschen dazu passen. Das ist nur möglich indem diese umgeformt werden. Ihrer Vorstellung entspringt die selbst gewollte Aufgabe des eigenen Ichs für das Kollektiv. Die Menschen müssen dazu gezwungen werden frei zu sein. Sofia Lambs Theorien und Praxis weist an solchen Stellen eine Nähe zu dem Philosophen Jean-Jacques Rouseau auf. Etwas Näher liegt aber noch die Verbindung zu Ayn Rand, die in ihrem Buch „Anthem“ eine Gesellschaft beschreibt, in der ihre Mitglieder sich selbst nicht mehr mit Ich sondern Wir bezeichnen sollen.
Sofia Lamb wird zum Ende des zweiten Teils von Bioshock deutlich in ihrer pessimistischen Sicht und redet von Unmöglichkeiten der Realisierung von Utopien (gerade wegen der Geschehnisse im Spiel, die ich nicht weiter spoilern möchte). Soll das dem*der Spieler*in sagen, dass Utopien schöne oder auch gefährliche (oder beides?) Hirngespinste sind, aber eben nicht mehr? Ist Bioshocks Geschichte paradoxer Weise ein schaurig verpackter Anti-Utopie-Aufruf?

to be continued
In einem weiteren Text, der wahrscheinlich in der kommendes Ausgabe erscheinen wird, werde ich diesem und den Paralelen zu ihren Büchern „Atlas Shrugged“ und „Anthem“, sowie etwas bekannteren Theorie des Objetivismus von Ayn Rand nachgehen.

1Alle engl. Zitate, sowie der Liedtext und die Bilder stammen von der Website: https://bioshock.wikia.com/wiki/BioShock_Wiki

2Der Name Adrew Ryan ist ein Anagram der amerikanischen Philosophin Ayn Rand, zusätlich der Buchstaben Rew. Die Grundzüge des Charakters im Spiel sollen auf John Galt, einer Person aus dem Buch „Atlas Shrugged“ basieren.

3ADAM wurde bei sog. „Sea-Slugs“, also Tiefsee-Schnecken gefunden und Forschungen und Experimente machten es zu einer genverändernden Substanz, die einem quasi-Superkräfte verleiht.

4Klar sobald Planwirtschaft und Verstaatlichung ins Spiel kommt geht die Wirtschaft den Berg ab und alle moralischen Überbleibsel gehen völlig verloren – die Horror-Welt in der der*die Spieler*in eintaucht, wurde von verlogenen Idealen eines alten verkappten Kommunisten-Kapitalisten verraten, der sich selbst zu einem Mao/Stalin erhebt. Vlt. eine Anlehnung an China in der sich sozialistische Ideale mit kapitalistischen verbinden – die Verherrlichung von Arbeit und Hörigkeit sowie die Herrschaft von Unternehmen deuten darauf hin.

5Was ein Widerspruch zur individualistischen Ideologie Ryan’s, aber das spiegelt Ryans Biografie wieder, da er aus der UdSSR in die USA ging und somit auch zwei Systeme kennenlerne und Hoffnungen in diese setzte und von ihnen enttäuscht war – daraus Resultiert wohl die Kombination. Die Verherrlichung von Arbeit passt dabei bestens zu den Ideologien beider Weltmächte.

6Jordan Thomas, Creative Director bei Bioshock 2, sagte, dass die Figur von Agathe Christie aus der Serie „Doctor Who“ inspiriert ist. (https://www.2kgames.com/cultofrapture/podcasts – BioShock 2 Podcast Episode Nine: Sofia Lamb) Ihre Ideen wiederum sollen ebenfalls auf Ayn Rand beruhen, diesmal allerdings auf ihr Buch „Anthem“. Auf einen kleinen Aspekt des Vergleichs gehe ich später noch ein.

7Es gibt die 3 verschiedene Enden der Geschichte je nachdem wie man sich in den kleinen moralischen Möglichkeiten entscheidet. Die gute Version besteht darin alle sog. Little Sisters zu retten, anstatt zu töten. Über dieser Schwarz-weiß-Moral kommt Bioshock leider nicht hinaus. Sie werden beschützt von Big Daddies – Männer in großen, schweren und bewaffneten Tiefseetauch-Anzügen. Diese sind egal ob du als gut oder böse spielen willst zu töten. Die Litte Sisters sind kleine unschuldige Mädchen, die zu einer Frau (wer sonst kann auf Kinder aufpassen? Das Spiel spielt ja schließlich vor 1968) gelangen wenn sie gerettet werden.

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Das beschnittene Recht des Kindes. Zur Beschneidungsdebatte

Ein Jahr liegt die sogenannte Beschneidungsdebatte nun schon zurück. Und nun, „ein Jahr, nachdem kritische Positionierung relevant und riskant gewesen wäre“ konnte man mit großer Verspätung dann auch in der neuen Prodomo (# 17) sowie der neuen Polemos (# 5) noch etwas „materialistisch angehauchtes über Recht, Staat und Nation“1 zum Thema lesen. Ich selber hatte mich zugegebenermaßen seit der Ankündigungen auf diese Beiträge gefreut, da ich mit einer wenn auch zögerlichen aber doch noch vernünftigen Positionierung gerechnet hatte. Am relevanten Kern des Themas, nämlich der Frage, wie das Verhältnis vom Recht auf Kindeserziehung und Schutz des Kindes vor gewissen Erziehungspraxen in diesem Fall abzuwägen wäre, gehen allerdings im Prinzip alle Ausschweifungen vorbei. Zwar wurde bereits an manch anderer Stelle vernünftig aus verschiedenen Perspektiven darüber verhandelt, wie die Beschneidung kleiner Jungen nun eigentlich zu bewerten sei, doch da eben auch ein Jahr später kaum eines dieser Argumente durch die Ideologiekritiker weiter bearbeitet, geschweige denn aufgenommen wurde, möchte ich hier nochmal auf eine bestimmte Ebene eingehen, die mir zentral für die Abwägung erscheint.

Vorweg zu sagen ist vielleicht noch, dass ich gar nicht abstreiten möchte, dass die Debatte teilweise fragwürdige Züge annahm. Stellenweise wurde sicherlich mit viel Ressentiment im Gepäck argumentiert und man musste eben immer genau hinschauen, wer sich mit welcher Intention auf welche Seite schlug. Hier treffen sicherlich einige Beobachtungen der Ideologiekritiker.2 Mit einer Kritik an der Debatte ist allerdings noch nichts über deren inhaltlichen Kern, die Beschneidung, gesagt – das allerdings schienen einige Leute zu verwechseln. So ist am Ende oftmals das einzige Argument, das den Kern des Themas berührt und zu einer Positionierung gegen die BeschneidungskritikerInnen führte, ein positivistisches, welches lediglich auf Relativierung aus war: Über Schmerzen und gesundheitliche Folgen der Beschneidung könne man sich ja streiten und ein (Schmerz-)Bewusstsein über ihre Beschneidung hätten die Säuglinge ohnehin nicht.3 4

Meine zugespitzt formulierte These lautet, dass diejenigen JudenfreundInnen, welche die religiöse Beschneidung verteidigten bzw. die BeschneidungskritikerInnen angriffen, dafür stritten „die Juden“ als Kollektiv unter Artenschutz zu stellen, weil sie ihnen als eine besonders schützenswerte Menschengruppe gelten. (Ob dies bewusst oder unbewusst passierte, soll hier keine Rolle spielen.) Dies wurde, nicht ohne Berechtigung, mit der Geschichte der Judenverfolgung legitimiert, die in Nazi-Deutschland ihren unbegreiflichen Höhepunkt fand. So sehr dieser richtige Gedanke seine absolutes Recht hat, so sehr müsste er über sich selbst hinaus gehen, um das einzuhalten, was man als Ideologiekritiker oft als kategorischen Imperativ auszuweisen hat: „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole“ (Adorno). Der fatale Fehler, der wohl nur als Reflexionsausfall zu verstehen ist, lag darin, dass „die Juden“ oftmals zumindest implizit als bewahrenswertes Kollektiv ethnisiert und nicht etwa als zu schützende Individuen verstanden wurden. Letztlich wurde damit gegen die Gleichbehandlung von Juden als gleiche Bürger unter Bürgern durch den Staat argumentiert: Da die Judenemanzipation gescheitert sei, müsse nun alles an die Autonomie des Judentums gesetzt werden. Dabei wird allerdings vergessen, dass nicht die Judenemanzipation, also die Emanzipation der Jüdinnen und Juden innerhalb einer nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft, oberstes Ziel von Emanzipation überhaupt zu sein hätte, sondern dass darüber hinaus noch so etwas wie eine allgemeine Emanzipation zu stehen hat – vorausgesetzt man hält neben dem adornitischen auch weiterhin am marx’schen kategorischen Imperativ fest, die repressiven Verhältnisse umzustürzen. Diese noch „höhere Stufe der Emanzipation“ würde nämlich bedeuten, dass sich mündige, aufgeklärte Individuen herausbilden und sich von religiösen, nationalen, ethnischen, kulturellen etc. Kollektiven emanzipieren. Das Anliegen der IdeologiekritikerInnen sollte somit nicht lediglich die Emanzipation der Juden von den Nicht-Juden sein, sondern darüber hinaus die Emanzipation der Juden von sich selbst, oder anders: der jüdischen Individuen vom Judentum.

Gewiss: Innerhalb einer antisemitischen Gesellschaft – und so stellt sich die heutige von Grund auf dar –, ist die Emanzipation der Juden vom Judentum freilich durch den Antisemiten begrenzt.5 Justus Wertmüller schrieb dazu folgendes in der Bahamas:

„Die jüdische Emanzipation vom Judentum ist mit dem Holocaust deswegen an ein Ende gekommen, weil die Definitionsmacht der Mörder darüber, wer ein Jude sei, Menschen zusammengezwungen hat, von denen viele nur noch biographisch einen Bezug zum Judentum hatten.“6

Und genau deshalb hat das Judentum als Gemeinschaft genau wie Israel als Staat im Hier und Jetzt ein Existenzrecht, das weder von Antisemiten abgesprochen werden kann, noch von „Freunden“ erst zugestanden werden muss. Von Juden unmittelbare Emanzipation vom Judentum zu fordern wäre mindestens fahrlässig und in der Konsequenz Antisemitisch. Langfristig ist diese Gemeinschaft jedoch, genau wie alle derartigen, überflüssig zu machen, nämlich in dem Sinn, dass der Schutz der Jüdinnen und Juden nicht mehr tagtäglich sichergestellt werden muss, sondern eine Selbstverständlichkeit darstellt. Unter dieser Voraussetzung wäre das jüdische Kollektiv im Sinne einer allgemeinen menschlichen Emanzipation genau so abzuschaffen wie alle anderen Kollektive.

Nochmal gegen jedes Missverständnis: Da wir uns mit Nichten in einer freien Gesellschaft befinden, hat die Verteidigung des jüdischen Kollektivs, nämlich als Schutzgemeinschaft gegen den Antisemitismus, etwa durch einen Niklaas Machunsky7 selbstverständlich sein richtiges, legitimes Anliegen. In Bezug auf die Beschneidungsdebatte jedoch wäre dennoch dem Recht des Kindes und damit dem Schutz des Individuums vor dem Zugriff vom Kollektiv Vorrang einzuräumen und zwar aus dem einfachen Grund, dass die Verteidigung der Beschneidung eben nicht mit der Verteidigung des Judentums gleichzusetzen ist – auch wenn dies uns im Laufe der Debatte alle möglichen jüdischen und nicht-jüdischen InteressenvertreterInnen weismachen wollten. Zum einen stellt nämlich im Zweifelsfall lediglich der Staat Israel die einzige reale Verteidigungsinstanz gegen Antisemitismus dar und nicht etwa ein beschnittener Penis. Dazu abermals treffend Wertmüller:

„Alle Kompromisse zwischen ‚traditionellen‘ und nicht-jüdischen Juden, die angesichts der Ahnung von der Wiederholbarkeit des Holocausts gefunden werden mussten, führten zur Etablierung einer Nation, die eine hochpragmatische Gesellschaft hervorgebracht hat, in der Tradition und Emanzipation koexistieren, ohne dass jene, die dogmatisch eine religiös begründete jüdische Identität erzwingen wollen, sich durchsetzen können. Was einen Juden ausmache, darüber gibt es unter Juden bekanntlich keinen Konsens, noch nicht einmal die Bestimmung des Oberrabinats, wer ein Jude genealogisch sei und wer vor diesem Hintergrund Bürger Israels sein dürfe, trägt. Sie wird vielmehr unterlaufen durch die Setzung, dass wer als Jude verfolgt werde, gleich wie er sich selbst definiere, ein Bürgerrecht hätte. Der israelische Pragmatismus bewährt sich natürlich auch in der Frage des seit einigen Monaten in Deutschland herumposaunten Dogmas, nur ein beschnittener Knabe oder Mann könne als Jude gelten. In Israel ist das keine große Diskussion wert.“8

Zum anderen wird, wenn man sich ausschließlich auf das beschnittene Judentum beruft unterschlagen, dass es auch innerhalb des liberalen Judentums Bestrebungen einer alternativen Zeremonie zur Brit Mila gibt, nämlich die sog. Brit Schalom, bei der gänzlich auf die Beschneidung verzichtet und der Eintritt in die jüdische Glaubensgemeinschaft lediglich durch eine Messe symbolisiert wird.9 Insofern ist auch der Vorwurf etwa der „World Union for Progressive Judaism“ nicht haltbar, durch das Verbot der Beschneidung würde den Eltern prinzipiell das Recht genommen „ihre Kinder in die heiligen Riten ihrer jeweiligen Religionen einzuführen“.10

Dass die Verteidigung der jüdischen Beschneidung mit dem Argument vom zu beschützenden Judentum darauf hinausläuft, eine eben dogmatisch-religiös begründete jüdische Identität zu konstruieren bzw. eine rituelle Zwangskollektivierung der Säuglinge zu rechtfertigen, die praktisch nichts mit dem Schutz von Jüdinnen und Juden außerhalb Israels zu tun hat, verdeutlicht ebenfalls der Blick ins gelobte Land, in dem es eben keinen Konsens über eine positive Bestimmung dessen gibt, was nun jüdisch sei und was nicht (vgl. das letzte Zitat von Wertmüller).

Wenn also heute beide kategorischen Imperative gelten und nicht etwa der eine gegen den anderen ausgespielt werden soll, so sollte man das Recht „kleinen Jungen am Penis wehtun zu dürfen“11 in jedem Fall allen Eltern mit Verweis auf das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit absprechen, denn als Individuen sollte ihnen genau der gleiche Schutz zukommen, wie ihren nicht-jüdischen Altersgenossen.

by bea (bea.blogsport.de)

 

2Vgl. z.B. Jan Gerber: Talk about Sex. Zur Beschneidungsdebatte. In: Polemos # 05. https://kritischetheorie.wordpress.com/2013/04/05/polemos-5/

3Der sich über viele Seiten hinstreckende Artikel von Niklaas Machunsky: Die Jungenbeschneidung im postnazistischen Rechtsstaat (erschienen in: Prodomo # 17. Quelle: http://www.prodomo-online.org/ausgabe-17.html) ist im Kern seiner Argumentation letztlich auf genau diese Annahme zu reduzieren.

4Vgl. dazu auch die treffenden Feststellungen von Dieter Sturm: „Die Verharmlosung der frühkindlichen Beschneidung scheint mir auch auf einer hochproblematischen – also eigentlich unhaltbaren, im Grunde erzpositivistischen – Gleichsetzung von Schmerzerfahrung und Schmerzbewusstsein bzw. deren logischer und chronologischer Verkehrung zu beruhen – so als ob ein bestimmtes Maß an Erfahrungssättigung, erworbener Erfahrungsfähigkeit oder Ich-Bildung im Bewusstsein eines Individuums, die es ermöglicht, über erlittenen physischen Schmerz zu reflektieren und diese Reflexion zu artikulieren, Voraussetzung für Schmerzbewusstsein wäre. Das – um es in (genau hier zuständiger) existenzphilosophischer Diktion auszudrücken – Welt[be]wusstsein im Allgemeinen und Schmerzbewusstsein im Speziellen ist aber noch vor jeder Erfahrung einfach da und das Kriterium dafür, es bei einem (menschlichen) Individuum vorauszusetzen kann nicht eine nur extern bestimmbare Entwicklungsstufe oder ein bestimmtes Alter sein. Anders gesagt: Wenn die Würde des Menschen darauf beruht, mehr als ein Bündel medizinisch, soziologisch oder psychologisch analysierbarer Faktoren, also mehr als das, was sich empirisch ausmachen lässt, zu sein, kann man auch an das Neugeborene nicht andere Maßstäbe als an die übrigen Individuen anlegen – wie differenziert auch immer man bei dem Versuch, es doch zu tun, zu argumentieren sich bemüht, er ist ohne Biologismus oder Kulturalismus, allgemein: ohne Willkür nicht zu haben“ Quelle: https://nichtidentisches.wordpress.com/2013/04/05/betrifft-polemos-5-beschneidungsdebatte/#comment-2902

5Die in dieser Gesellschaft nach ihren eigenen Möglichkeiten fortgeschrittenste Form der Judenemanzipation stellen daher diejenigen Individuen dar, die von Isaak Deutscher treffend als „nicht-jüdische Juden“ bezeichnet wurden. Bekannte Beispiele wären z.B. Marx, Freud, Luxemburg…

6Wertmüller: Jüdische Identität dringend gesucht. In: Bahamas 65-2012/13. Quelle: http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web65-2.html

7Vgl. Machunsky: Die Jungenbeschneidung im postnazistischen Rechtsstaat. In: Prodomo # 17.

8Wertmüller: Jüdische Identität dringend gesucht.

9Ganz nebenbei bemerkt nimmt diese Zeremonie, bei der auf die Beschneidung der Jungen verzichtet wird, der Religion eines ihrer geschlechtsspezifischen Momente. Schließlich reicht es bei den Mädchen auch aus, jüdisch geboren zu werden und symbolisch mit der Zeremonie der Brita (weibliches Äquivalent zur Brit Milah) den Bund mit Gott einzugehen.

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Ausgabe #4

Es ist Sommer und die fabelhaft frische Keep Dancing mit innovativer, neuer Falttechnik und 52% mehr Gedichten, längeren Zitaten und feinem Design ist da!

Einige thematische Schwerpunkte sind Partyhedonismus, Beschneidungsdebatte, Zins und Antisemitismus.

 

Viel Spass mit Ausgabe #4,

die Re(d)aktion

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Überzug

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by pentagonal blue

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Fragmentarische Gegenreden

In der letzten Ausgabe der Keep Dancing haben wir elf „Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung“ von Kritische Provinz zur Diskussion gestellt (siehe KD #2.72). Als Erwiderung auf diesen Text wurde auf dem Blog slowandsteady.blogsport.eu „Ein einfacher Gegenvorschlag“ veröffentlicht, der auch in der aktuellen Keep Dancing #3.14 publiziert wurde und hier nachgelesen werden kann: slowandsteady.blogsport.eu/2012/10/13/ein-einfacher-gegenvorschlag.
Der folgende Text ist wiederum eine Reaktion von Kritische Provinz, der sich mit einigen Punkten aus „Ein einfacher Gegenvorschlag“ auseinandersetzt und die Thesen verteidigt.


Fragmentarische Gegenreden
Eine Reaktion auf eine Kritik an unseren Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung

* Zum Vorwurf des (Neo-)Konservativismus. Ja, richtig. Genau dies unterstellt uns der Autor OverTime. Ein Vorwurf, der zwar nicht besonders originell ist, da er einem bestimmten Teil der Linken immer wieder dazu dient, einen Gegenstand ohne Argumente zu kritisieren bzw. mit der lediglichen Belegung eines Wortes zu diskreditieren, um ihre Position zu stärken. Wäre allerdings wenigstens versucht worden an den Thesen nachzuweisen, wie und wo genau diese nun einen (neo-)konservativen Charakter besitzen, hätte man darüber streiten können. Mit dem Verweis darauf, dass die Thesen „wieder einmal Tabus gebrochen [hätten], die keine sind“ und daraus abgeleitet den Vorwurf des (Neo-)Konservativismus in den Raum zu werfen, ohne ihn weiter auszuführen, erschließt sich uns allerdings nicht. Es bliebe also an OverTime, das Argument nochmals auszubreiten.

* Interessant ist, dass zunächst der Vorwurf des Konservatismus erhoben wird, ein paar Sätze weiter dann jedoch indirekt der Status Quo affirmativ hingenommen wird. Die Thesen seien lediglich „Beschreibungen“ und damit „eher langweilig“ und „wenig zugespitzt“. Dass sie alleine daher falsch oder nicht wert sein sollen, ausgesprochen zu werden, da sie ‚das Übliche‘ und ‚wohl Bekannte‘ ansprechen, leuchtet nicht ein. Die in den Thesen als Missstände kritisierten Zustände werden als „Trivialitäten“ abgetan, die nicht wert seien öffentlich geäußert zu werden. Es müsste sich also eher OverTime die Frage gefallen lassen, ob nicht vielmehr er/sie als konservativ zu bezeichnen wäre, wenn er/sie eine Kritik an einigen Ausdrucksweisen des falschen Ganzen als „Trivialitäten“ abtun zu können.

* Der/die Verfasser_in des Textes scheint nicht bemerkt zu haben, dass die Thesen aufeinander aufbauen und daher eben nicht mit These 8 hätte begonnen werden können. OverTime hätte sich offensichtlich gewünscht, dass der Text kürzer ausgefallen wäre („Warum also … ein langer Text verfasst worden ist, erschließt sich mir an dieser Stelle nicht“), um nicht alles vorherige lesen zu müssen, denn die Thesen würden zu „unspektakulär“ beginnen, „erst ab der achten These wird es interessanter“.
Das einzig „interessante“, was der/die Autor_in dann jedoch zur achten These zu bemerken hat, ist dass dazu ja auch folgender Satz aus dem Verfassungsschutzbericht 2011 passen würde: „Allerdings beweist die Szene des Landes damit erneut, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Aktivitäten mit einer umfassenden Gesellschafts- und Systemkritik zu begründen“. Wie peinlich die Reflexionsausfälle des VS in der Regel auch sein mögen: dass er mit diesem Satz das Dilemma der „radikalen“ Linken in MV auf den Punkt bringt und an dieser Stelle mehr Analysefähigkeit beweist als die hiesige Linke über sich selbst, spricht nicht gegen unsere Thesen, sondern gegen die Linke. Aber diese Möglichkeit blendet OverTime gänzlich aus; die Schlussfolgerung lautet hingegen, dass lediglich die Thesen falsch sein könnten, da diese so sehr nah an der Analyse der „staatlichen Repressionsbehörden“ liegen würden. Dass hierin kein einziges Argument steckt, dafür aber jede Menge Ressentiment, dürfte bei genauerem hinsehen eindeutig sein.
Da es eher selten vorkommt, dass auch ein blindes Huhn wie der VS mal ein Körnchen findet, wollen wir, im Gegensatz zu OverTime, an dieser Stelle auch den treffenden Rest aus dem Verfassungsschutzbericht nicht vorenthalten. Dort heißt es weiter: „Daraus muss geschlossen werden, dass es der Autonomenszene des Landes nicht auf die Vermittlung von Zielen ankommt, sondern vielmehr auf die Ausübung fetischisierter Gewalt und die Einschüchterung des politischen Gegners.“ Diese Beobachtung können wir nur bestätigen, weshalb die Thesen auch in dieser Hinsicht weiterhin aktuell sind!

* Weiter zu These 8. Diese beginnt mit der Aussage, es sei „nicht von ungefähr, dass die Praxis der Antifas fast ausschließlich auf Anti-Nazi-Aktivitäten beschränkt bleibt, sondern ergibt sich aus deren theoretischen Unfundiertheit.“ Der/die Verfasser_in des Gegenvorschlags fragt sich dann im weiteren, woher die Behauptung der „theoretischen Unfundiertheit“ überhaupt komme und hält dagegen, dass das Fehlen eines „massiven Output[s] theoretisch-kritischer Schriften oder Magazine aus der Szene in MV“ noch kein hinreichender Beweis für einen „Theoriemangel“ sei. Das ist zwar richtig. In den Thesen wird die beklagte „theoretische Unfundiertheit“ jedoch keineswegs einfach an dem Fehlen eines solches Outputs festgemacht. Diese Diagnose stellt vielmehr die Schlussfolgerung aus den vorangegangenen 7 Thesen dar – wobei nochmals deutlich wird, dass die Thesen aufeinander aufbauen und in der letzten These kulmunieren. Alles, was OverTime lediglich für langweilige und unspektakuläre „bloße Zustandsbeschreibung“ hält, dient uns in den Thesen als ‚Beweisführung‘ für die letzte These, es gäbe weder in Rostock noch in Mecklenburg-Vorpommern eine radikale Linke. Es stimmt sicherlich, dass sich einige Antifas in MV zeitweise ihren Kopf auch über theoretischen Fragen zerbrechen. Das Problem, was wir jedoch versucht haben aufzuzeigen, wird bereits in der 4. These angesprochen: „Identität geht vor Politik und jedes kleine bisschen Politik wird über Identität vermittelt.“ Dies gilt für die breite Mehrheit der selbsternannten radikalen Linken und in besonderem Maße für MV. Der stärkste Beleg für diese Behauptung ist und bleibt der Zustand dieser Linken, der eben in den Thesen dargestellt wurde.

* Unter der Unterüberschrift „Staat und Antifa – Hand in Hand?“ macht OverTime dann einen weiteren „Gegenvorschlag“: Dass Neonazis endgültig in die gesellschaftliche Marginalität abgerutscht seien, „mag für die meisten neonazistischen Organisationen und Personen im Großteil des Bundesgebietes zutreffen, aber gerade in Mecklenburg-Vorpommern leider nicht.“ In vielen Gegenden würde die NPD als normale Partei behandelt „und Neonazis gehören zum Alltag dazu“. Das ist richtig und genau deshalb schrieben wir auch, dass es in diesen Regionen und Städten „wichtig und richtig“ sei Antifa-Arbeit zu leisten „und sich gegen jeden Versuch einer ’national befreiten Zone‘ zur Wehr zu setzen.“ Allerdings plädieren wir auch dafür darüber hinaus zu gehen. „Antifa“ alleine bietet kein Potential zur Gesellschaftsveränderung, sondern kann lediglich regressiven Momenten innerhalb der jetzigen entgegenwirken.1 So scheint uns OverTime dann auch doch eher zur Seite zu springen und vergisst darüber seine Gegenrede. Er spricht vom rassistischen, deutschen Mob, „aus dem sich die Nazis rekrutieren“ und trifft damit einen Kernpunkt unserer Ausführungen und argumentiert in gewisser Weise sogar gegen seine vorherigen Sätze. Es sind eben nicht die Nazis, welche gesellschaftlichen Einfluss auf die sog. „Mitte der Gesellschaft“ ausüben und diese mit ihrer Menschenfeindlichkeit korrumpieren. Genau über dieses Verhältnis zwischen Neo-Nazis und postnationalsozialistischer Gesellschaft versucht Adorno aufzuklären, wenn er das Nachleben des Faschismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher erachtet, als die offen faschistischen Tendenzen gegen die Demokratie.

* Der letzte zentrale Kritikpunkt von OverTime ist, dass in den Thesen nicht definiert würde, was denn überhaupt eine „radikale Linke“ sei. „Ohne festgelegte Kriterien ist kaum nachzuvollziehen, worauf die Kritische Provinz hier hinaus will.“ Es folgen einige Ausführungen darüber, wieso der Begriff „radikale Linke“ eher zu dekonstruieren wäre („weil sich irgendwelche Leute dort Gemeinsamkeiten imaginieren, wo keine sind“). Hier werden einige richtige Dinge festgestellt, allerdings stellt sich die Frage, ob diese nicht besser hätten adressiert werden müssen. Der/die Autor_in schreibt: „Nur eine Überwindung und Dekonstruktion dieser Label würde die ‚Szene‘ mal inhaltlich voran bringen und dafür sorgen, dass endlich Klarheit herrschen würde und mensch nicht mehr der Illusion nachlaufen würde, alle würden irgendwie dasselbe wollen und dasselbe meinen. Dies würde sicherlich zu einer massiven Spaltung führen, aber danach würden hoffentlich diejenigen zusammenarbeiten, die sich vorher über ihre inhaltlichen Gemeinsamkeiten unterhalten haben – und nicht einfach diejenigen, die dieselben Logos und Parolen nutzen.“
Wie können die Thesen überhaupt anders verstanden werden, als genau diese Kritik an der Dialektik von Label und gefühltem Inhalt? Wenn die 11. These ihre Wirkung nicht verfehlt hat, wie OverTime schreibt, dann doch nur, weil sie eben genau die selbsternannte „radikale Linke“ angreift, die sich als eben diese versteht und trotz des damit einhergehenden Selbstverständnisses, für „das Gute“, „den Kommunismus“ o.ä. zu stehen, zeitweise genau so regressiv ist, wie die Gesellschaft, die sie angeblich so scheiße findet.

by Kritische Provinz

1Vergleiche hierzu auch den Artikel „Basisbanalitäten eines provinziellen Antifaschismus“ in dieser Ausgabe.

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Das Miteinander und die Liebe

Der notwendigste Wandel liegt nicht unbedingt im Gesellschaftssystem. Natürlich ist die repräsentative Demokratie und der Kapitalismus Keimzelle der meisten Ungerechtigkeiten und beeinflusst unser Handeln maßgeblich durch konstruierte Sachzwänge, die Quasi-Unmöglichkeit der Meinungsvertretung und Wettbewerbsnötigung. Aber ich persönlich würde einem einfachen „System“ nicht die komplette Verantwortung für konventionalisierte Unfreiheiten, eine Scheinindividualisierung und den Verlust der Lebensfreude zusprechen wollen.
Der konstruierte „freie“ Wille ist vielleicht eine unbewusste Enscheidung für oder gegen etwas, die nur gewählt erscheint, weil wir die Ursachen für die Wahl nicht erkennen. Aber könnten wir nicht trotzdem unsere Bedingungen so verändern, dass wir uns anders entscheiden können? Wäre das unmöglich, wäre jede emanzipatorische Bestrebung nichtig.
Oder anders gesagt: Wären alle Menschen dazu gewillt, aufeinander zuzugehen, über das was sie eigentlich wollen nachzudenken und in der Lage diese Wünsche zu äußern, ohne einen Gesichtsverlust riskieren zu müssen, wären alle fähig, andere Meinungen neben sich existieren zu lassen, einem ultimativen Wahrheitsanspruch zu entsagen und würden alle den Menschen und nicht dessen Funktion in den Vordergrund stellen, dann könnte mensch auch unter den widrigsten Bedingungen am System „vorbeileben“ (was selbstverständlich nicht oberstes Ziel, aber ein in meinen Augen wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer tatsächlich befreiten Gesellschaft ist).
Was es also zu allererst zu erreichen gilt, ist eine zwischenmenschliche Kommunikation, die eine befreite Gesellschaft erst ermöglichen würde. Und so eine Kommunikation will gelernt sein, bestimmte Verhaltensmuster werden schon in der Kindheit erlernt, die es erstmal zu erkennen und zu analysieren gilt. Dann kann entschieden werden, ob diese Muster wirklich förderlich sind oder ob sie ein freies Leben nicht doch eher verhindern. Gemeinschaftliches Miteinander besteht aus vielen Balancen, die mensch immer wieder neu definieren muss und deren Haltung essentiell für die Freiheit der Gesellschaft ist.

Die Waage zwischen der Naivität und dem gesunden Misstrauen
Das erste „Defizit“, das ich immer wieder sehe, ist mangelndes Vertrauen. Manches mal ist es sicherlich gut begründet und fußt auf gemachten Erfahrungen, doch kann ich mich doch nicht frei bewegen, mich anderen öffnen und mitteilen, kann meine Persönlichkeit nicht ausleben, wenn ich immer Angst haben muss, dass etwa der Verfassungschutz mich beobachtet. Das ist in meinen Augen ein Szeneproblem, aber auch in der restlichen Gesellschaft lebt mensch in ständiger Angst. Es gibt bestimmte Konventionen, Tabus, welche mensch nicht brechen darf. Ich werde versuchen, dies an einigen Beispielen aufzuzeigen.

1. Der Ekel vor sich selbst
Mensch mag von Charlotte Roche und ihrem fäkaliengezierten Skandalbuch halten was mensch möchte, aber sie hat in einem Stefan-Raab-Interview ein Thema angesprochen, das sehr schön aufzeigt, wie sehr wir uns vor uns fürchten. (Link zum Interview hier)
Sie stellt in diesem Interview fest, dass auch Frauen Haare am Po haben und bittet in die Runde, sich doch zu melden, wenn dies bei einer selbst der Fall sein sollte. Das Tragische ist, dass außer ihrer eigenen Hand so gut wie keine gehoben wurde. Mensch hat nämlich keine Haare am Po, Frauen schon gar nicht. Mensch schwitzt auch nicht, das wäre ja eklig. Mensch produziert keine Verdauungsgase und popelt nicht in der Nase.
Ich muss mich immer verstecken. Mein Körper macht völlig selbstständig lauter widerliche Dinge, für die ich mich schämen muss. Und hier beginnt etwas, dass sich durch unser ganzes Leben zieht. Mensch schämt sich irgendwann nicht nur für ihren/seinen „Gestank“, sondern auch für ihr/sein Aussehen und in letzter Instanz für ihre/seine Gedanken und Bedürfnisse. Was uns zum zweiten Punkt führt.

2. Die Angst vor unseren Gefühlen und Wünschen
Unsere Emotionen auszudrücken ist in der misstrauischen, distanzierten Gesellschaft fast unmöglich. Das gilt nicht nur für die negativen Gefühle, von denen wir schon als Kinder gezeigt bekommen, dass sie schlecht und unangebracht sind. Diese sind bei männlich sozialisierten Menschen häufig Schwäche und Trauer, bei weiblich sozialisieren Menschen ist es die Wut, die niemals nach Außen dringen darf. Doch auch positive Gefühle dürfen nur in einem bestimmten Rahmen geäußert werden, so ist bespielsweise Singen oder Tanzen in der Öffentlichkeit (z.B. auf der Straße) vollkommen unangebracht und wird entsprechend mit Blicken und geflüsterten Kommentaren geächtet. Gleiches gilt für das Tragen bestimmter Kleidung – plötzlich ist mensch ein öffentliches Ärgernis. Aber wieso? Woher genau kommt diese Angst? Diese Scham? Dass es peinlich ist, vor der Klasse zu sprechen oder zu sagen, wenn mensch etwas möchte wie zum Beispiel eine Umarmung?
Die Antwort liegt möglicherweise hier:

3. Das Gefühl „nicht richtig“ zu sein
Gerade die äußerlichen Aspekte sind wohl sehr stark von Bildern beeinflusst, die immer wieder reproduziert werden. Bilder, denen kein Mensch vollkommen entsprechen kann, weswegen immer versucht wird, das zu vertuschen bzw. auf die noch unzureichendere Erfüllung dieser Anforderungen von anderen Personen zu verweisen. „Ey, was der Freak da vorne für nen beschissenen Hut auf hat.“, sagt die unter mehreren Make-up-Schichten verschwindende 13-Jährige, die so einen Hut eigentlich ziemlich witzig findet.
Weil bestimmte Themen nicht angesprochen werden, dürfen sie auch nicht passieren. Wir sind vergeistigte Lichtgestalten, wir müssen nicht auf’s Klo und wenn dann nur, um uns die Nase zu pudern. Es ist nicht richtig, Durchfall oder Haare unter den Achseln zu haben, wir reden nicht drüber, also geschieht es auch nicht. Und sollte es doch geschehen, wird es problematisch, wir müssen es verheimlichen und dürfen auf keinen Fall darüber sprechen. Ein Teufelskreis.
Das Schlimmste ist allerdings, dass es sich auf alle Bereiche des Denkens überträgt und eine_n in eine permanente Panikstarre verstetzt, weil mensch nie weiß, ob das, was mensch gerade denkt auch „okay“ ist. Das widerum bedingt eine Obrigskeitshörigkeit und ein immer geschwächteres Selbstwertgefühl.

Aber das muss ja nicht so sein…
…und ist auch nichts, was durch die momentane Gesellschaftsstruktur unveränderlich verankert ist. Einfach mal verrückt sein, tun, wonach einer_m ist und das unabhängig von schiefen Blicken. Solange vorleben, bis niemand mehr tuschelt.
Und auch selbst Menschen vertrauen, selbst wenn es keinen Grund dafür gibt. Vieles hängt von einer Erwartungshaltung ab. Traue ich einer Person zu, mich zu hintergehen, wird sie das merken und eine entsprechende Distanz aufbauen. Gehe ich auf eine Person mit einem Lächeln zu, wird sie es sich zweimal überlegen, mich schlecht zu behandeln. Selbstverständlich trifft mensch immer wieder auf Personen, die das Vertrauen nicht verdient hätten, aber ich finde es wichtiger, die paar Leute zu bedenken, die ansonsten vor einer Mauer aus unbezwingbarer Paranoia bzw. aus Angst vor Verletzung und Selbstverweigerung frustriert zurückweichen.
Der Trick besteht darin, anderen nicht sofort alle Privatsachen oder vertrauliche Informationen auf die Nase binden zu wollen und trotzdem freundlich und herzlich zu sein, auch mal die Geduld aufzubringen, sich etwas anzuhören, was politisch noch nicht ganz ausgereift ist und Hilfestellung und Erklärung anzubieten.

Die andere Meinung – Toleranz oder Desinteresse
Nun gibt es durch die Vielfalt der Individuuen allerdings auch immer wieder Meinungsverschiedenheiten und Interessenkonflikte. Die gibt es so oder so, mensch kann sich dann entweder mit den jeweiligen Personen auseinandersetzen oder sie ignorieren. Und hier muss mensch wieder die Balance finden – welche Meinung kann ich tolerieren, selbst wenn sie nicht meiner Wertevorstellung entspricht und welche Meinung ist intolerabel? Häufig passiert es auch, dass Menschen aus Angst vor einem Konflikt in gegenseitiges Desinteresse abschweifen. Doch das Interesse aneinander ist – in einer funktionsfähigen Gesellschaft – unabdingbar. Was nicht bedeuten soll, dass jeder Konflikt in einen Zwangkonsens ausarten sollte, aber tatsächlich ist es so, dass die meisten zwischenmenschlichen Probleme durch offene Gespräche, den ehrlichen und interessierten Umgang miteinander und ein bisschen Geduld lösbar sind. Wie Peter Maffay schon so schön in Tabaluga sang: „Doch können wir nicht Freunde werden / So woll’n wir niemals Feinde sein.“
Immer wieder das Gespräch mit anderen zu suchen und möglichst viel Kontakt zu allen Seiten der Außenwelt aufzubauen ist in meinen Augen genauso wichtig, wie realisierbare Konzepte und eine stabile theoretische Grundlage zu haben. Denn was bringt ein aufklärerischer Ansatz, wenn mensch nur mit Personen zu tun hat, die sowieso schon größtenteils das Gleiche denken wie mensch selbst. Außer, dass mensch sich dann wegen Sachen zerfleischen kann, die sowieso noch in weiter Ferne liegen.

Respekt und Eifersucht, ein Ausschluss?
Um nun auf die Liebe zu kommen: Ich selbst vertrete einen polyamorösen Standpunkt und lasse einfach allen Menschen, die ich „liebe“ sowohl psychische wie auch physische Zuwendung zukommen. Ich könnte nun sagen, dass, sollte mensch mich respektieren wollen, sie/er das verstehen sollte. Doch das Schöne an Gefühlen ist ja auch, dass mensch sie nicht unbedingt in so einem Maß beeinflussen kann, wie das manchmal vielleicht wünschenswert wäre. An dieser Stelle möchte ich auf gesellschaftlich dominante Beziehungsmuster eingehen. Ich kann niemandem verübeln, in einer Liebesbeziehung die/der Einzige sein zu wollen und sich im Falle eines „bösen Erwachens“ – er/sie ist *nicht* der/die Einzige – minderwertig und frustriert zu fühlen. Und auch Eifersucht ist im Augenblick auch noch Teil all dessen. An diesen Punkten spiegeln sich viele erlernte Beziehungsmuster wieder. Natürlich gilt das nicht für alle, aber ich denke doch, dass viele in der Praxis mit der Polyamorie bzw. ihren eigenen exklusiven Gefühlen sicherlich zu kämpfen haben, auch wenn sie das Konzept ideellerweise unterstützen. Das, was wir täglich vorgelebt bekommen, ist schließlich etwas anderes.
Einen interessanten Ansatz hierzu und warum die RZB heute so wichtig ist, hat der ansonsten eher uninteressante und teilweise sexistische Pop-Philosoph Richard David Precht. (Siehe dazu http://www.planet-wissen.de/sendungen/2011/08/videos/31_video_liebe.jsp)

Wie bei allem anderen gilt es auch hier wieder eine Balance zu finden. Wie sehr möchte ich mich in etwas hineinbegeben, wie viel von mir selbst möchte ich „aufgeben“, um in einer oder gar mehreren Beziehungen sein zu können? Wie wichtig ist mir eine Freiheit, die ich in einem solchen Kontext nicht ausleben könnte? Wie zeige ich meine Liebe, wie sehr steigere ich mich in etwas hinein, oder wie locker gehe ich an eine Beziehung heran? Denn sollte der/die Partner_in mit einer bestimmten Erwartungshaltung an etwas herangehen, die nicht meiner eigenen entspricht, führt dies meist zu einer Verletzung einer der beiden Parteien. Das lässt sich durch Kommunikation natürlich nicht restlos ausschließen, aber sie würde doch einiges besser machen. Vor allem aber brauchen wir eine aktive Bewusstmachung über unsere Gefühle, wo sie herkommen (Verlustangst, schlechtes Selbstwertgefühl, etc.), um sie sinnvoll berarbeiten und mit ihnen zufrieden leben zu können.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass eine herrschaftsfreie Gesellschaft nur dann realisierbar ist, wenn mensch nicht nur auf sein Umfeld und grobe -Ismen achtet, sondern auch sein eigenes Verhalten immer wieder hinterfragt und im Bezug auf die Wirkung anderen gegenüber analysiert.

Gegen das Schamgefühl, die Unterdrückung und die Unwissenheit, für die Bewusstmachung und die Freiheit. Für die Liebe.

by pentagonal blue

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Basisbanalitäten eines provinziellen Antifaschismus

Der Anfang allen Übels – oder aber auch nur ein Disclaimer

Was dieser Text weder versprechen noch halten kann, ist eine konsequent objektive und sachliche Darstellung des zu behandelnden Themas: Antifaschismus und das sogenannte „Antifa-Spektrum“. Die vorgestellten Punkte erheben weder Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Originalität, noch kann man sie als eine überall passende Musterschablone verwenden, unter der sich dann die Realität mehr oder weniger zu fügen habe, damit sie unter eben jene Schablone passe. Vielmehr soll der Text gerade durch eine subjektbezogene Perspektive Denkanstöße und mögliche Diskussionspunkte bieten, die sich außerhalb eines „szeneinternen“ Diskurses aufgrund diverser Ursachen in der Vergangenheit eher geringer Popularität erfreut haben. Besonderen Bezugspunkt findet dabei ein eher ländlich geprägter Antifaschismus abseits von Großstädten und bereits etablierten Strukturen.

Business as usual?

Es dürfte klar sein, dass Antifaschismus die Welt weder als Ganzes erklären kann, noch lässt sie sich damit nach unseren Vorstellungen gestalten. Antifaschismus ist in erster Linie ein Teilbereich linker und linksradikaler Politik, aber nicht ihr Kern. Wer „gegen Nazis“ ist, vertritt im Kontext linksradikaler Gesellschaftskritik ein eher bescheidenes Anliegen, verglichen mit dem, worauf radikale Kritik abzielt: Die Verwirklichung einer emanzipatorischen Gesellschaft. Natürlich lässt sich so etwas nicht mit Nazis auf die Beine stellen, auch deswegen scheint ihre konsequente Bekämpfung auf verschiedenen Ebenen als zwingendes Übel, sollte jemals die Vorstellung einer solch befreiten Gesellschaft ernsthaft verfolgt werden. Nazis und ihre Ideologie stellen einen krassen Widerspruch zu den Überlegungen einer Welt dar, in der alle an den Vorzügen einer befreiten Gesellschaft teilhaben können. Ein klassischer Antifaschismus ist in erster Linie also die (Selbst-)Verteidigung vor den Umtrieben von Nazis und eine wirksame Gegenwehr. Sie muss offensiv erfolgen und mit allen Mitteln durchgesetzt werden, die verantwortbar sind. Problematisch wird eben jener Antifaschismus, wenn er selbst in die Menschenverachtung abdriftet und emanzipatorische Grundprinzipien über Bord wirft. Mit anderen Worten: Wer Nazis/“Bullen“/“Bonzen“/etc. den Tod wünscht oder ihnen gar nach dem körperlichen Wohlergehen trachtet, wer Songs wie „Hetzjagd auf Nazis“ (Atari Teenage Riot) am liebsten wörtlich nehmen würde oder allseits beliebte Sprüche wie „ACAB – All Cops Are Bastards“ oder etwa „Faire Arbeit, fairer Lohn – Bullen in die Produktion!“ abfeiert, sollte sich mal ernsthaft Gedanken über die Entmenschlichung machen, die er_sie mit der Personalisierung struktureller Gesellschaftspositionen und seinem Militanzfetisch betreibt.
Das wünschenswerteste Ergebnis einer klassischen Antifa-Arbeit stellt im Gegenzug ein Resultat dar, in dem Nazis entweder von ihrem Treiben ablassen oder sich letztendlich sogar von ihrer Ideologie verabschieden. Aber eben auch bei einer realistischen Konzeption dieses wünschenswerten Ziels, kann so etwas in aller Regel nicht immer ohne (Gegen-)Gewalt erreicht werden.

Warum ein konsequenter Antifaschismus mehr als nur den Kampf gegen Nazis beinhaltet

Vielen von euch dürfte klar sein, dass sich das breite Spektrum an verschieden Antifagruppen nicht bloß auf einen „klassischen“ Antifaschismus reduzieren lässt. Wenn hier also von einem klassischen Antifaschismus die Rede ist, dann ist damit in erster Linie „typisch linkes Engagement“ gegen Nazis gemeint: Recherche über rechte Aktivitäten, die Verhinderung von Naziaufmärschen und Teilnahme an Gegendemonstrationen, Selbstschutz vor Übergriffen, Abhalten von Veranstaltungen und Vorträgen, usw. Solche Aktionsformen sollten nicht klein geredet werden und die Absicht dieses Artikels besteht schon gar nicht darin, Leute davon abhalten zu wollen in diesen Bereichen tätig zu sein – natürlich ist diese Arbeit weiterhin notwendig und mehr oder weniger sinnvoll. Doch ein konsequenter Antifaschismus muss darüber hinausgehen und mehr als nur den Kampf gegen Nazis implizieren.
Wichtig beim Lesen dieses Textes ist zu begreifen, dass die Person, die diesen Artikel verfasst hat, selbst als Antifaschist_in in einer Kleinstadt mit den Schwierigkeiten des Provinzlebens konfrontiert ist. Das heißt, ich weiß wie zäh und mühsam es ist, im Kampf gegen Nazis noch „das große Ganze“ im Auge zu behalten und dabei noch über seinen eigenen Tellerrand blicken zu können. Ich kenne selbst die Probleme, die das Dasein in einer Gruppe in einem Kaff mit sich bringt: kaum selbstverwaltete Freiräume, eine marginale linksradikale Öffentlichkeit, chronischer Geldmangel, eingeschränkte Mobilität und die wirklich große Aussicht auf eine konkrete Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse fehlt auch. Die Liste könnte natürlich fortgeführt werden und die Schwärmerei von einem Umzug in die nächste Großstadt auch. So verwundert es dann auch nicht wirklich, wenn klar ist, dass sich viele Gruppen nach einiger Zeit bereits wieder auflösen oder am Rande ihres eigenen Existenzminimums vor sich hindümpeln.

Alles scheiße, also lassen wir’s doch gleich bleiben?

Und jetzt kommt irgendwer aus einem Provinznest daher, schreibt einen ellenlangen Text und verlangt, dass Antifas über ihr eigenes Dasein als Teil einer linksradikalen Bewegung reflektieren und sich mit so Dingen wie Herrschaftsverhältnissen auseinandersetzen. Als ob man nicht schon genug ausgelastet wäre mit der Arbeit gegen Nazis. Natürlich wäre es leicht, auf die oben beschriebenen Probleme einfach der Resignation freien Lauf zu lassen. Doch was für manche schon zu viel ist, sollte für uns als Antifaschist_innen noch lange nicht genug sein. Während sich zum Beispiel so ziemlich alle linken Organisationen gegen rechts positionieren und sich damit politisch schon mal auf der sicheren Seite glauben, haben sie vielleicht gar kein kritisches Bewusstsein für all die anderen miesen Zustände, die zwischen uns und einem schönen Leben für alle stehen. Wäre das Konzept Antifa mit dem Einpunktprogramm „Antifaschismus“ bereits ausgeschöpft, wäre es eine banale Legitimation des Status quo und würde somit konsequenterweise all jene Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft unwidersprochen lassen, die wir ablehnen und scheiße finden.

Let’s get radical!

Und damit kommen wir direkt zum springenden Punkt der Sache: Wer Nazis und ihr Aufkommen wirklich verstehen will, muss sich zwangsläufig mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen, in denen Nazis ihr Unwesen treiben können.1 Klar, dass wir für die Analyse des Neonazismus keine Musterlösung parat haben, um ihn 100% treffend analysieren und verstehen zu können. Aber das ist auch gar nicht unser Anspruch. Vielmehr soll die Notwendigkeit einer Theoriebildung das Verhältnis von Ursache und Wirkung verdeutlichen. Das heißt verständlicher ausgedrückt, dass eine bloße Brandbekämpfung des Phänomens Neonazismus nicht wirklich erfolgversprechend ist, wenn dabei die Voraussetzungen für das Aufkeimen von rechten Ideologien nicht versucht werden zu verstehen. Eine oberflächliche Bekämpfung von Nazis ist zumindest ein Widerspruch zum linksradikalen Selbstverständnis der meisten Antifas, wenn diese sich gegen Staat, Nation und Kapital positionieren. Natürlich ist dieses Ausprobieren von Theorien eine Geschichte des Widerlegens und Verwerfens verschiedener Ansätze antifaschistischer Politik – eine ausführliche Darstellung all jener Diskurse würde den Rahmen dieses Artikels sprengen –, doch können sich die Theorien zwangsläufig erst in einer konkreten Praxis des Handelns an ihrem theoretischen Anspruch messen lassen.

We don’t need no education? – ein Plädoyer für die Bildung

Ist man vielleicht schon in weiten Kreisen des Antifaspektrums der Meinung, dass Lesen out wäre, spiegelt sich diese Einstellung in den zutreffenden Fällen an der entsprechenden Wirklichkeit wider; ihren Ausdruck findet sie in der Ohnmacht antifaschistischer Politik. Während viele Provinznester isoliert von jeglichem linksradikalen Diskurs ihren Pragmatismus recht unbeeindruckt weiterfahren, besitzt die antifaschistische Szene in Großstädten den zweifelhaften Luxus, sich bis in die Absurdität hinein zu zerstreiten und zu spalten. Natürlich ist das nicht zwangsläufig der Fall, aber bereits verschiedene Demoaufrufe, Bündnisse und Strömungsrichtungen verdeutlichen eine unüberschaubare Heterogenität linksradikaler Zusammenschlüsse. Doch problematisch ist nicht nur der Gegensatz zwischen Stadt und Land, sondern vor allem zwischen den jeweiligen Mitgliedern einzelner Gruppen. Gegen dieses Informations- bzw. Bildungsgefälle auf die Dauer helfen tatsächlich nur ein engagiertes Lernen und Diskutieren entsprechender Inhalte. Ob Workshops, Lesekreise, Vorträge, Diskussionen oder sonstige Formen der Wissensaneignung, die Möglichkeiten eines gemeinsamen Zugangs zu politischer Bildung ist notwendige Voraussetzung einer kollektiven Handlungsbasis. Wenn alle einen Plan haben, können alle mitreden und den Gegenstand hinterfragen. Wenn nur eine_r einen Plan hat und alle anderen wenig Ahnung, bilden sich leicht nervige und hindernde Hierarchien heraus. Zudem schüchtert solches Besserwisser-Verhalten unnötig ein und schafft unangenehme Situationen, in der sich die Leute gehemmt fühlen, etwas „Falsches“ oder „Dummes“ zu sagen.
Zusatz: Wer kennt das nicht? Die Provinz ist tot, die letzte NPD-Kundgebung Monate her, der nächste Naziaufmarsch in der nächsten Stadt erst in ein paar Monaten und die lokalen Nazis lassen momentan auch wenig von sich hören? Was also machen in der Zeit der „Flaute“? Gerade in solchen Zeiten kann es nicht verkehrt sein, sich mit Theorieaneignung und gesellschaftskritischen Inhalten auseinanderzusetzen. Nicht nur, um weiterhin die Kontinuität antifaschistischer Strukturen zu wahren, sondern der bereits oben erwähnten Punkte halber.

Das halb leere Glas…

Wer seine Diskussionen in erster Linie auf Aktionsformen und -taktiken beschränkt, muss sich zwangsläufig die Frage nach dem Anspruch stellen lassen, ob sie überhaupt ein Konzept linksradikaler Politik besitzen (können). Das heißt, dass zu aller erst über die inhaltliche Begründung antifaschistischer Arbeit Auseinandersetzungen geführt werden müssen, bevor irgendwelche Aktionen gerissen werden, denn wer blindlings in die Gesellschaft hinein interveniert, ohne in der selben eine konkrete Kritik zu üben, handelt im höchsten Maße unreflektiert. Das Hintenanstellen inhaltlicher Theoriebildung entwickelt in diesem Zusammenhang eine Eigendynamik, die dazu führt, dass Debatten vor allem über Pragmatismus, Strategien und die Bewegung an sich geführt werden. Was dabei zu kurz kommt, ist der politische Gehalt, den die Antifaarbeit in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext stellen will. Wer nur ein Problem mit Nazis hat, dabei aber Kapital, Staat und Nation weitgehend unhinterfragt lässt oder gar ausblendet, verhält sich nicht nur im höchsten Maße affirmativ zur bestehenden Gesamtscheiße mit ihren tagtäglichen Zumutungen (parteipolitischer Parlamentarismus, Kapitalverhältnis, Abschiebungen, usw.), sondern verkennt auch die maßgeblichen Kontextbedingungen des Nazismus. Historisch gesehen, entwickelten sich nationalsozialistische Ideologien erst im Laufe einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und die Machtergreifungen von faschistischen und nazistischen Gruppierungen erfolg(t)en stets unter den Bedingungen eines mehr oder minder kapitalistischen Nationalstaats. Ein Anfang könnte also sein, die historischen und theoretischen Formbestimmungen von faschistischen bzw. nazistischen Ideologien zu betrachten. Fast schon obligatorisch erscheint dabei der Hinweis, dass sich Ungleichheits-Ideologien auch in der vermeintlichen „Mitte der Gesellschaft“ reproduzieren. Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, Sexismus, Homophobie, etc. sind eben nicht Randphänomene von Neonazis, sondern fester Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft, in der wir leben. Wer es also in der Tat mit der befreiten Gesellschaft ernst meint, habe daher auch als Antifaschist_in den Anreiz, die Funktionsweisen und Verhältnisse dieser Gesellschaft zu verstehen und zu kritisieren.

…bitte nochmal voll machen!

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass es einer antifaschistischen Bewegung um eine nachvollziehbare Grundorientierung gehen muss. Gedanken müssen ebenso darüber geführt werden, wie man Leute erreicht und letztendlich politisiert. Dabei müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse als von Menschen gemachte Probleme erkannt und kritisiert werden. Die politische Dimension alltäglicher Probleme kann dazu beitragen, den Menschen genau dies vor Augen zu führen. Die Inhalte von Antifa-Arbeit lassen sich dabei im Wesentlichen nur darüber bestimmen, was sich als Gegenpunkt zu reaktionären Ideologien kristallisiert. Orientiert werden muss sich dabei an der gesellschaftlichen Relevanz rechtsradikaler und menschenfeindlicher Positionen, um dazu effektiv Gegeninhalte zu entwerfen. Letztendlich lässt sich dies nicht ohne eine theoretische Reflexion der Praxis verwirklichen.

by Esra
Der/die Autor_in schreibt außerdem auf esra.blogsport.eu

1Siehe hierzu auch die „Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung“ in der letzten Ausgabe.

Inhaltlich orientiert sich der Artikel vor allem an folgenden Quellen:
1. Beitragsdokumentation der Marburger Antifa Gruppe 5
2. Antifa. Geschichte und Organisierung. Keller/Kögler/Krawinkel/Schlemermeyer. Schmetterling Verlag, Stuttgart. 1. Auflage 2011.

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Wo gibt es die Keep Dancing #3.14 ?

Heute könnt ihr die Ausgabe #3.14 auf dem Grrrlz-DaIY erhalten, der mit dem Thema: „Bash Back – Sexismus in der linken Szene und Tilf*-Räume“ im Cafe Median veranstaltet wird. (http://grrrlzdaiy.blogsport.de/2013/03/18/grrrlzdaiy-am-karfreitag/)

Dauerhaft und für alle, die nicht in Rostock wohnen, um sich eine Ausgabe selbst abzuholen, gibt es seit kurzem die Möglichkeit bei Disguted Youth unser Heft zu bestellen: http://disyouth.net/store/zines.shtml

Viel Spaß beim Lesen,

die Reduktion

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Keep Dancing #3.14 erschienen

Es ist wieder so weit: Gestern sind unsere ZeitarbeiterInnen mit dem Falten der Hefte fertig geworden! Die neue Ausgabe #3.14 gibt es also ab sofort zu ergattern. Leider werden wir ab dieser Ausgabe zumindest den Druckkostenpreis pro Exemplar verlangen müssen, damit sich das Projekt weiterhin selbst tragen kann.
Inhaltlich wird in diesem Heft die Diskussion um den Themenbereich „Antifaschismus“ und „radikale Linke“ fortgesetzt. Außerdem erwarten euch u.a. Reflexionen über Liebe, Selbstliebe und das Miteinander sowie eine ideologiekritische Analyse des Computerspiels „BioShock“.
Und noch die Nicht-Auflösung: Wir hatten versprochen, dass die Person, die den Unterschied zwischen den beiden Auflagen der Ausgabe #2.72 erkennen würde, eine Zeile in dieser Ausgabe gewidmet bekäme. Leider hat niemand den Fehler gefunden (oder hatte niemand die Möglichkeit zum direkten Vergleich zweier verschiedener Exemplare?), weshalb das Rätsel wohl auf ewig ungelüftet bleiben wird.

Viel Spaß beim Lesen und Gucken!
Eure Reduktion

PS: Ab sofort sind wir auch auf Facebook (oho!) vertreten. Also macht diese Sachen mit den kleinen Däumchen, damit andere Leute einen guten Eindruck von uns bekommen und uns anfangen Komplimente zu machen www.facebook.com/pages/Keep-Dancing/103746093148740

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Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung

1. Ein Großteil dessen, was sich in dieser Region als radikale Linke versteht, wäre als „Antifa“ zu bezeichnen und würde sich wohl auch selbst so nennen.

2. Antifa meint dabei vor allem und teilweise auch ausschließlich gegen Neonazis zu sein. Weil man als Antifa jedoch ein Gesamtpaket gebucht hat, würde jeder Antifa der was auf sich hält auch noch anfügen, dass er natürlich auch gegen Rassismus ist und Kapitalismus ja auch irgendwie scheiße findet.

3. De facto bleibt die linke Mainstream-Praxis in Rostock und darüber hinaus in weiten Teilen Mecklenburg-Vorpommerns jedoch hauptsächlich auf Antifa-Aktivitäten beschränkt – eine Ausnahme von der Regel spielen dabei etwa die Aktivitäten von verschiedenen Antirassist_innen, die sich beispielsweise in der praktischen Flüchtlingsarbeit engagieren und vielleicht auch als Teil einer radikalen Linken zu verstehen wären bzw. sich wohl auch selber dazuzählen würden.

4. Bei den Glaubenskriegern der Antifa spielt zum einen ein klassischer Anti-Nazi-Aktivismus ein Rolle – am 1. Mai werden selbstverständlich Nazis „blockiert“, das restliche Jahr „Recherchen“ angestellt –, zum anderen reicht es jedoch auch für gefühlte sechs Tage die Woche vollkommen aus, in seiner alternativen „Zona Antifascista“ in Ruhe gelassen zu werden, sich „politisch“ in der linken Stammkneipe zu besaufen und sich gegenseitig auf die breiten Schultern zu klopfen und zu loben, wie gut man doch das „eigene Viertel“ im Griff hat und vor Nazis sauber hält. Mit anderen Worten: Identität geht vor Politik und jedes kleine bisschen Politik wird über Identität vermittelt.

5. Die einzelnen Antifa Gruppen bestehen größtenteils aus Männern und sind Männerbund-ähnlich organisiert, was sich gegenseitig bedingt.

6. Ebenso sind Frauen in den lokalen Locations stark unterrepräsentiert, was nicht daran liegt, dass es einfach weniger sich radikal links verstehende Frauen gibt, sondern an einem bestimmten Klima der omnipräsenten männlichen Dominanz.

7. Ob den männlichen Antifas das bewusst oder unbewusst ist, sei dahingestellt, jedenfalls sind sie nicht gewillt oder glaubhaft bemüht diesen Zustand zu ändern. Die Rollen sind verteilt: Männer laufen auf Demos vorne, denn es könnte ja gefährlich werden, Frauen, die nicht einfach nur irgendwo im mittleren oder hinteren Bereich mitlaufen wollen, müssen sich ihren Platz erst erkämpfen. Auch hier gibt es selbstverständlich wieder Ausnahmen von der Regel, denn auch einige wenige Frauen, die sich bereits im Vorfeld ihren Platz erkämpft haben, dürfen zuweilen sogar in den organisierten Männergruppen mitspielen.

8. Es ist nicht von ungefähr, dass die Praxis der Antifas fast ausschließlich auf Anti-Nazi-Aktivitäten beschränkt bleibt, sondern ergibt sich aus deren theoretischen Unfundiertheit. Zwar ist es absolut legitim und richtig, dass in Gegenden, in denen Neonazis offensiv in Erscheinung treten, sich gegen diese organisiert wird – Selbstschutz ist hier wohl das wichtigste Stichwort –, doch sollten die entsprechenden Aktivitäten immer auf ihre Relevanz und die Gefahr des Abgleitens dieser in eine Art Beschäftigungstherapie gegen Langeweile überprüft werden. In Städten wie dem Paradebeispiel Anklam wäre es beispielsweise wichtig und richtig, Antifa-Arbeit zu leisten und sich gegen jeden Versuch einer „national befreiten Zone“ zur Wehr zu setzen. In einer Stadt wie Rostock jedoch, in der man sich als weißer Antifa in der Regel (zumindest in den inneren und studentisch geprägten Stadtteilen) frei und ohne Angst vor Übergriffen bewegen kann, tritt in gewisser Weise eine Unfähigkeit zu Tage, die vormalige Kritik an den Nazis auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene zu abstrahieren und die Warengesellschaft als Quelle von solcherlei Ideologien zu analysieren.

9. Antifa-Arbeit wird so vom Mittel gegen Nazis zum Selbstzweck: es geht letztlich nicht mehr darum den Nazismus an „seinen Wurzeln“ zu vernichten, sondern das personifizierte Feindbild „Nazi“ zu bekämpfen. Der Neonazi wird somit als Hauptfeind ausgemacht und verschleiert so als Projektionsfläche das eigentliche Problem, welches als ursächlich zu bekämpfen wäre: das falsche Ganze.

10. Seit dem Aufkommen des deutschen Staatsantifaschismus seit dem Jahr 2000 unter Gerhard Schröder und der Rot-Grünen Bundesregierung und dem „Aufstand der Anständigen“ sind Neonazis wohl endgültig in die gesellschaftliche Marginalität abgerutscht. Sie sind die Deppen vom Dienst, niemand in dieser Gesellschaft nimmt sie ernst. Selbst dort, wo die als demokratisch legitimierte „Volksvertreter“ in Parlamenten sitzen, werden sie nicht ernst genommen, zeitweise verspottet oder bei ihrer Arbeit behindert. Eine solche Haltung und Position erwächst jedoch nicht aus dem Wille zur Emanzipation, sondern stellt vielmehr eine Art Heimatschutzreflex innerhalb der postnazistischen Gesellschaft dar, die rassistisch, nationalistisch und antisemitisch wie eh und je ist. Antifas, die sich an die Seite eines genau solchen bürgerlichen Antifaschismus stellen, der einem immer wieder die Lüge vom „bunten statt braunen“ Standort Deutschland erzählt, machen sich selbst zum aktiven Teil dieser bürgerlichen Gesellschaft, die den Nationalsozialismus erst gebar.

11. Eine radikale Linke gibt es weder in Rostock noch in Mecklenburg-Vorpommern.

by Kritische Provinz

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